Am 3. Juli trafen zu nächtlicher Stunde zahlreiche Eltern vor der Tankstelle „Zum Düsenjäger“ an der Mindener Straße ein. Sie wollten hier ihre Sprößlinge, Schüler der Jahn- Realschule, nach einem Aufenthalt auf Amrum in Empfang nehmen. Die Ankunft war für 23 Uhr angesagt. Vorläufig tat sich jedoch nichts. Eine Reifenpanne verzögerte die Ankunft. Als über ein Telefonat bekannt wurde, daß auf der Strecke dichter Nebel herrsche, machte sich Unruhe unter den Eltern breit. Endlich gegen 3 Uhr morgens rollten die Busse an. Sittsam nach Geschlechtern getrennt, saßen in den ersten beiden Wagen die Mädchen, dann folgte der Wagen der Jungen. Schüler und Lehrer stiegen braungebrannt und übermüdet aus den Bussen. Schließlich war man am Vortage um 4 Uhr morgens aus den Betten geholt worden. Trotz der Strapazen waren sich alle einig, daß dieses Unternehmen wiederholt werden sollte. Wenn die pädagogische Eingebung von Rektor Karl Beinke und seinem Kollegium richtig gewesen war, dann hatte der frische Seewind die Geister wieder auf Trab gebracht und den Unterricht auf der Insel zu einem Vergnügen gemacht.
Den ersten Schuß auf die neuen Scheiben gab Bürgermeister Welschof im Namen des Bundespräsidenten Heuß ab. Für die geraden Hausnummern errang Fahrer Werner Hucke und für die ungeraden Malermeister Friedrich Bokämper die Königswürde. Damit war der Weg frei für die Festivitäten am letzten Tag des Schützenfestes. Hochsommerliches Wetter hatte das Schützenfest begleitet. Am Wochenende waren zahlreiche Radfahrer unterwegs, die nur ein Ziel kannten, das Lübbecker Freibad am Mittellandkanal auf der Nordseite des Hafenbeckens. Bademeister Ober-Entgelmeier führte hier die Aufsicht. Sein Domizil war eine abgängige Bretterbude mit vorsintflutlichen Umkleidekabinen. Die Lübbecker wußten, daß es hier mit den Badefreuden bald vorbei sein würde. Die Pläne für die Badeanstalt an der Obernfelder Allee lagen fertig in der Schublade, und alle warteten auf den Baubeginn. Eins war für die Zukunft sicher, so großzügig wie am Kanal würde es nicht mehr zugehen, denn ein abgesperrtes Gelände gab es am Kanal nicht, und wem das kleine Sprungbrett nicht hoch genug war, der sprang von den Kanalbrücken ins kühle Naß. Und wem das Brückengeländer nicht hoch genug war, für den gab es eine Etage höher den Brückenbogen. Auch die Zeit einer kostenlosen Mitfahrt auf einem der vorbeiziehenden Schleppkähne war für immer dahin. Am 9. Juli beschloß der Lübbecker Stadtrat, die Arbeiten für die Badeanstalt an der Obernfelder Allee an die Firmen Bünemann, Schröder und Frewert zu vergeben. Der Höchstpreis wurde auf 96.000 DM festgesetzt. Eile war geboten, denn es gab eine Konkurrenz. Am 5. Juli war das „Waldfreibad Espelkamp-Mittwald“ eröffnet worden. Am Wochenende, am 19./ 20. Juli, war Pr. Ströhen der Anziehungspunkt im Kreis Lübbecke. Auf dem Jahn-Sportplatz an der Aue war das Kreis-Turn- und Sportfest angesagt. Hier hieß Bürgermeister Bollhorst die Festteilnehmer in dem Heidedorf willkommen. In einem sonntäglichen Umzug präsentierten sich die Teilnehmer der Öffentlichkeit. Mit von der Partie waren der Ströher Schützenverein, der örtliche Reiterverein, der Radsportverein „Adler“ und die Freiwillige Feuerwehr. Es gab ein spannendes Faustballendspiel zwischen dem Polizeisportverein Lübbecke und dem TuS Gehlenbeck. Mit Reifen-, Keulen- und Ballgymnastik waren die Turnerinnen der Vereine aus Blasheim, Lübbecke und Pr. Ströhen vertreten. Es gab 200 Siegerinnen und Sieger. Die Siegerehrung oblag Kreisoberturnwart Rudolf Cornelius aus Lübbecke. Als beste Turnerin wurde Lotti Bunk vom TuS Lübbecke und als bester Turner Erich Hafer vom Verein „Grüne Eiche“ Stockhausen geehrt. Es war ein kleiner lokaler Erfolg der Sportvereine. Die internationale Sportwelt blickte nach Helsinki, wo die Olympischen Spiele stattfanden. In aller Munde war damals die tschechische Lokomotive, das Laufwunder Emil Zatopek. Und was war zum Monatsende angesagt? In der Wochenendausgabe der Tagespresse vom 26. Juli priesen die Geschäfte „Billigkeit und Qualität“ zum Sommerschlußverkauf an. Überwiegend vertreten waren die Geschäfte an der Langen Straße in Lübbecke. Das Textilgeschäft Vollmer pries große Posten von Sommerware an, die rücksichtslos im Preis herabgesetzt war. Ähnlich argumentierten die Textilgeschäfte Eitner, Helmke und v. Stiften. Qualitätsschuhe zu verblüffend niedrigen Preisen versprach Salamander-Becker am Markt, und bei Schuh-Jekel hieß es: „Es geht durch Mark und ... Pfennig im Sommer-Schluß-Verkauf“. Am Montag pünktlich um 8 Uhr morgens setzte der Ansturm ein. Das Verkaufspersonal hatte alle Hände voll zu tun, und die Kassen klingelten zur Zufriedenheit der Geschäftsleute. Mancher Kunde fragte sich jedoch später, ob er in dem Verkaufsrummel wirklich Qualität zu niedrigen Preisen eingekauft hatte. Zur Unterhaltung boten die Kinoprogramme allen Generationen Filme an, die garantiert jugendfrei waren. Im Oli-Theater in Pr. Oldendorf stand in der ersten Juliwoche „Grün ist die Heide“ auf dem Programm. Im Lichtspieltheater Rahden hing „Der Himmel voller Geigen“ mit Gesangsbeiträgen von Rudi Schuricke, dem Roy Black der damaligen Zeit. „Verklungenes Wien“ ließ in Lübbecke die Herzen dahinschmelzen und im Lichtspieltheater Oppendorf gab es ein vom christlichen Ethos getragenes Drama, betitelt „Die Martinsklause“. Auch an den Hüllhorstern ging die Kinokultur nicht spurlos vorüber. Es gab die Westfalia Lichtspiele. Ihre Streifen liefen abwechselnd im Gasthof Deutsches Haus des Hoteliers Ludwig Eggstein in Hüllhorst und in Schnathorst im Gasthof Kirchhoff. Hier lief zu Monatsanfang das Rührstück „Ein Herz schlägt für Dich“. Lübbecke, 14. Mai 2007 |
| Autor: Stadtarchivar Helmut Hüffmann |
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