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Rede zur Einweihung des „Platzes der Synagoge“, Rahden, und zum Gedenken an die Pogromnacht in Rahden am 10. November 2017

Zukunft braucht Erinnerung!

Verehrte Gäste,

Geschichtsbewusstsein zu vermitteln und unsere Gedenkkultur weiterzugeben ist eine zentrale Aufgabe unserer Zeit. Uns in Rahden sollte viel daran liegen, den nachwachsenden Generationen ein umfassendes Bild zu vermitteln, wie sich unser Ort entwickelt hat.

Die Geschichte der Rahdenerinnen und Rahdener jüdischen Glaubens gehört zu dieser Ortsgeschichte.

Sie lebten wie alle anderen Rahdener auch. Sie gingen ihren Berufen nach, kümmerten sich um ihre Familien und engagierten sich im kulturellen und politischen Leben ihres Heimatorts.

Und sie sahen sich als Deutsche, als Deutsche jüdischen Glaubens oder mit jüdischen Wurzeln.

Doch spätestens mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde den Juden in Deutschland verwehrt, Deutsche zu sein.

Sie wurden drangsaliert und verfolgt, erschlagen, erschossen oder vergast. Und wenn sie ihr Leben retten konnten, dann verloren sie zumindest ihre Heimat. Alle, die es nicht selbst erlitten haben, können sich wohl nur ansatzweise vorstellen, was das bedeutet, was es auch noch für Kinder und Kindeskinder bedeutet.

Deshalb waren wir in Rahden dankbar, dass ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger bzw. ihre Kinder im November letzten Jahres (2016) unsere Einladung annahmen, ein paar Tage in der alten Heimat zu verbringen.

Wir wussten es zu schätzen, dass sie uns die Hand reichten und darauf vertrauten, dass Deutschland, dass Rahden sich grundlegend und dauerhaft gewandelt hat.

„Die Kristallnacht gehört zu meinen grauenhaftesten Erinnerungen“, so Maria Gräfin von Maltzan in ihren Erinnerungen. Die heute kaum noch bekannte Gräfin war eine tapfere Frau, die - die Nazis frühzeitig durchschauend - Kontakte zu Widerstandsgruppen knüpfte und untergetauchten Juden half. Was sie damals sah, (ich zitiere) „eingeschlagene Scheiben, gehetzte Menschen, Rudel von SA-Leuten und Nazis in Zivil, die sinnlose Zerstörung und Demolierung all dessen, was für jüdisch gehalten wurde“, was Maria von Maltzan sah, das konnten in jener Nacht des 9. auf den 10. November 1938 und in den Tagen danach viele sehen.

Das Novemberpogrom, zunächst verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt wegen der vielen zu Bruch gegangenen Fensterscheiben, das Pogrom geschah in aller Öffentlichkeit. Das NS-Regime zeigte sein wahres Gesicht: Seinen antisemitischen Wahn und eine Brutalität unbekannten Ausmaßes.

Auch bei uns in Rahden wurde der 10. November 1938 für die hier lebenden Juden zu einem Alptraum, denn auch die Rahdener Synagoge wurde in Brand gesetzt. Dieser Terror galt Menschen, die sich nie etwas zuschulden kommen ließen, er galt Menschen, die im Leben unserer Gemeinde eine bedeutende Rolle gespielt hatten.

Das Novemberpogrom war ein Fanal. Mit seinem Gewaltausbruch, mit seiner Bedrohung der jüdischen Bevölkerung an Leib und Leben war es der erste Schritt auf dem Weg zum Holocaust. Die brennenden Synagogen führten letztlich zu den Gaskammern und Verbrennungsöfen von Auschwitz.

Das Novemberpogrom wirkte als Zäsur, doch das Datum ist nicht isoliert zu sehen. Der 9. bzw. 10.November 1938 weist zurück auf den 30. Januar 1933, an dem Hitler die Macht übernahm mit seinem auf Unterdrückung und Krieg ausgerichteten Programm. Und diese beiden Novembertage in 1938 weisen voraus auf die ersten Kriegsjahre, in denen die Nazi-Führung die sog. „Endlösung der Judenfrage“, also die Ermordung der europäischen Juden, beschloss, die Vernichtungslager installierte und mit den Deportationen begann.

Das Novemberpogrom steht für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, für einen Zivilisationsbruch, den viele nicht für möglich gehalten hatten und der bis heute unbegreiflich ist. Mit Trauer, mit Entsetzen und mit Scham blicken wir heute auf das, was Menschen anderen Menschen antun können.

Mit Trauer und Scham gedenken wir heute des Holocaust.

Was aber sollten wir daraus lernen?

Die Geschichte zeigt, wohin Antisemitismus und die Ausgrenzung eines Teils der eigenen Bevölkerung führen können. Sie zeigt, dass Existenzängste in rechtsextreme Einstellungen oder deren Befürwortung umschlagen können. Wir müssen uns daher aktiv damit auseinandersetzen, dass antisemitische Übergriffe zugenommen haben, dass zum Antisemitismus der Rechtsextremisten ein Antisemitismus von Islamisten hinzugekommen ist, dass Wählerinnen und Wähler Parteien vom rechten Rand ihre Stimme geben.

Wegsehen, Schweigen oder Gleichgültigkeit helfen hier nicht.

Gedenktage wie der heutige erinnern an die Opfer, um sie nicht zu vergessen und sie damit ein zweites Mal zu Opfern zu machen.

Gedenktage wie der heutige blicken zurück, um nach vorn blicken zu können.

Ein Blick auf unsere Geschichte zeigt, wie wertvoll Freiheit, Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte sind beziehungsweise wie unverzichtbar es ist, uns immer wieder für ihre Beachtung und Umsetzung zu engagieren.

Denn jeder Angriff auf einen jüdischen Bürger oder eine jüdische Einrichtung bedroht nicht nur jüdische Menschen, sondern unsere Gesellschaft insgesamt. Und jede Verteidigung der Rechte und Freiheiten eines Einzelnen verteidigt und schützt unsere Gesellschaft insgesamt.

Wir wollen heute, mit diesem besonderen Tag, ein Zeichen für ein geschichtsbewusstes Rahden, gegen das Nichtwissen und gegen das Vergessen setzen.

Möge dieser neue Platz mit der Gedenktafel ein immerwährendes Zeichen sein für empathische, aber auch wehrhafte Demokratie – und für ein starkes Nie wieder!

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

10.11.2017 
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