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Rede von Herrn Bürgermeister Dr. Honsel zur Reichspogromnacht am 10. November 2016

„Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. Männer, die unserem Volk treu gedient und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehören! ... Ja, es ist eine entsetzliche Saat des Hasses, die jetzt wieder ausgesät worden ist. Welch entsetzliche Ernte wird daraus erwachsen …“


Mit diesen klarsichtigen Worten trat der schwäbische Landpfarrer Julius von Jan am 16. No-vember 1938 vor seine kleine Gemeinde. In seiner Predigt zum Buß- und Bettag sprach er die bittere Wahrheit über die Verbrechen aus, die wenige Tage zuvor, am 9. November, in ganz Deutschland verübt worden waren. Julius von Jan gehörte zu den wenigen, die bei dem Novemberpogrom nicht weggesehen hatten; er gehörte zu den ganz wenigen, die gegen den Naziterror das Wort erhoben.


Was in jener Nacht vom 9. auf den 10. November geschah, war deutlich sicht- und hörbar gewesen. Hunderte von Synagogen gingen in Flammen auf, Tausende jüdischer Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. Mehr als 1.000 Juden wurden am 9. November oder un-mittelbar danach getötet, etwa 30.000 verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Bu-chenwald und Sachsenhausen verschleppt. Auch bei uns in Rahden wurde in der „Reichs-kristallnacht“, wie das Pogrom wegen der vielen zu Bruch gegangenen Fensterscheiben zu-nächst verharmlosend genannt wurde, die Synagoge in Brand gesetzt. Für die jüdische Be-völkerung war diese Nacht ein Alptraum. Der antisemitische Wahn der Nationalsozialisten hatte sich in einem bis dahin unbekannten Ausmaß gewaltsam Bahn gebrochen.


Bei den Ausschreitungen handelte es sich um eine staatlich angeordnete und gesteuerte Aktion, die im Wesentlichen von NSDAP-, SA- und SS-Mitgliedern durchgeführt wurde. Als Vorwand diente die Verzweiflungstat eines jüdischen Jugendlichen. Er hatte erfahren, dass seine Eltern (in Deutschland lebende polnische Juden) in Hannover verhaftet und zur polni-schen Grenze deportiert worden waren, wo sie tagelang im Niemandsland umherirrten. Da-raufhin schoss er auf den deutschen Gesandtschaftsrat in Paris, der am 9. November seinen Verletzungen erlag. Unmittelbar danach ergingen die Befehle, „Aktionen“ (wie es hieß) gegen Juden durchzuführen, und wurde es Polizei wie Feuerwehr untersagt, einzugreifen.


Das Novemberpogrom war der erste Schritt auf dem Weg zum Holocaust. Die Diskriminie-rung der jüdischen Bevölkerung hatte bereits 1933, unmittelbar nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, begonnen. Während die ersten antijüdischen Gesetze und Verordnungen vor allem darauf gerichtet waren, die Juden aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen und ihnen ihre Staatsbürgerrechte zu nehmen, wurden sie mit dem Pogrom ganz existenziell an Leib und Leben bedroht. Die brennenden Synagogen sollten letztlich zu den Gaskammern und Verbrennungsöfen von Auschwitz führen.


Wenn wir heute des 9. bzw. 10. November 1938 gedenken, dann müssen wir an das dun-kelste Kapitel deutscher Geschichte erinnern, an einen Zivilisationsbruch, den viele nicht für vorstellbar gehalten hatten. Mit Trauer, mit Entsetzen, mit Scham blicken wir auf das, was Menschen, die seit Jahrhunderten in Deutschland lebten, angetan wurde, nur weil sie Juden waren. Fassungslos stehen wir vor der Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind.


Sich solchem Gedenken zu stellen ist anstrengend und schmerzhaft. Aber es ist notwendig. Wir, die Nicht-Opfer, sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig. Denn sie können der Erinnerung nicht entkommen; sie werden das, was sie selbst erleiden mussten oder was ihren Familien angetan wurde, durch ihr ganzes Leben tragen. Die Opfer zu vergessen, das hieße, sie ein zweites Mal zu ächten.


Wehret den Anfängen - es ist schon so oft gesagt worden und kann offenbar nicht oft genug betont werden. Heute ist diese Verpflichtung umso dringlicher, als auch in der Gegenwart Antisemitismus und rechtsextremistisch bzw. religiös motivierte Gewalttaten bei uns anzu-treffen sind. Immer wieder müssen wir von geschändeten jüdischen Friedhöfen oder von Anschlägen auf KZ-Gedenkstätten und Synagogen hören. Ausländerfeindlichkeit und Hass auf andere haben schon bis zum Mord geführt. Dabei ist offene Gewalt nur die Spitze des Eisbergs; jedem Anschlag liegt eine bereits verfestigte Haltung oder ein die Tat begünsti-gendes Klima zugrunde.


Wieder stehen wir ganz aktuell vor der Frage, wie Antisemitismus und Rassismus entstehen und was wir dagegen tun können. Erneut fragen wir uns, woher Gewaltbereitschaft kommt, wodurch Ausschreitungen hervorgerufen werden und wie wir hier gegensteuern könnten. Wieder sehen wir uns vor der Aufgabe, überall Akzeptanz dafür zu erreichen, dass Anders-gläubige, Andersfarbige oder Andersdenkende zu unserer Welt dazugehören.
Vielleicht dürfen wir es aber auch als ermutigendes Zeichen für die Verfasstheit unseres Landes und die deutsch-jüdischen Beziehungen betrachten, dass heute wieder Juden in Deutschland leben und wir konkret auch nächste Woche Juden als unsere Gäste hier in Rahden begrüßen dürfen. Nach dem unvorstellbaren Grauen der Shoah ist dies keine Selbstverständlichkeit.


Die Erinnerung an den 9. November 1938 zeigt uns, wohin Rassenwahn führen kann. Die Erinnerung an einen anderen 9. November, den des Jahres 1989, zeigt uns, wie wichtig den Menschen Freiheit und Selbstbestimmung sein können. Deshalb kann die Botschaft, die die-ser schicksalsträchtige Tag unserer Geschichte für uns hat, nur lauten: den Anfängen jegli-cher Diskriminierung zu wehren und uns für die Menschenrechte einzusetzen.

 

29.11.2016 
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