Inhalt
Datum: 30.08.2012

Zwischen Zeit und Ewigkeit - Erinnerungen anlässlich des 70. Todestages des Lübbecker Dichters Karl Röttger

Lübbecke. Im Nordosten der Lübbecker Kernstadt liegt die Röttgerstraße. Mit der Vergabe dieses Straßennamens ehrte die Stadt Lübbecke einen Mann, der über die Stadtgrenze hinaus von sich reden machte. Am 23. Dezember 1877 hatte Karl Friedrich Wilhelm Röttger in der Niedernstraße in Lübbecke das Licht der Welt erblickt. Sein Vater, ein Schuhmachermeister, seine Mutter, die Geschwister und die mit dem Hause verbundenen Gesellen, Lehrlinge und Kunden des Vaters prägten seine Kindheit. Damals ahnte niemand, dass Karl Röttger einmal von Lübbecke aus nach Düsseldorf und Berlin ziehen und als Pädagoge und Schriftsteller von sich reden machen würde. Im Gegenteil: Sein Lebensweg schien vorgezeichnet. Im aufstrebenden Kaiserreich wäre es naheliegend gewesen, hätte Karl Röttger die Nachfolge seines Vaters angetreten oder ein anderes Handwerk erlernt. Das jedoch war wenig erstrebenswert, denn das Leben im Hause Röttger war hart. Karl Röttger schreibt später, sein Vater sei kein wagemutiger Geschäftsmann, sondern ein Meister der Armut gewesen. Die fürsorgliche und ohne Rast schaffende Mutter habe von den geringen Einkünften kaum das Lebensnotwendige kaufen können. Die Zukunftsaussichten für den jungen Karl waren trübe.

Karl Röttger besuchte in Lübbecke die Volksschule und die Selekta, eine Art Oberschule. Später hielt er in seiner Erzählung "Die Schaufenster" fest: "Des Kinderlebens Alltäglichkeit heißt immer 'Schule'; nie: was sonst das Leben an Schauenswertem, Wissenswertem bietet. Süß sind die Heimwege im Herbst, im November, im Nebel, am schönsten vor Weihnachten, da die erste Ahnung einer kommenden großen Freude die Straßen der Stadt durchweht. Schon gleich hinterm Nachmittagsheimweg von der Schule glommen die ersten Lichtlein auf durch die Abenddämmerung und durch den Nebel: die Straßenlaternen und Lichter in den Schaufenstern. Das war lieb und schön zu sehen und zu fühlen, wie ein Licht nach dem andern durch den beginnenden Abend schien, wie das helle Auge oder das leuchtende Herz von vielen bunten Geheimnissen. Zu Hause stand der Kaffee dann für ihn auf dem Tisch; die andern hatten dann meist schon getrunken: der Vater mit dem Gesellen und Lehrjungen und die Mutter. Da war's einsam und still in der Dämmerung der Küche. Dann kamen die Arbeiten: für die Schule und fürs Haus. Stroh und Heu für die Ziegen mußten vom Boden geholt werden, Holz gespalten werden, vielleicht auch Schuhe oder Stiefel fortgebracht werden. Auf der Werkstube glomm der Schustertisch im Schein der kristallklaren, mit Wasser gefüllten Glaskugeln, die gebeugten Gesichter des Vaters, des Gesellen über die Arbeit auf ihren Knien, standen im hellen Schein des Lichtes. Er konnte manchmal lange dabeisitzen oder stehen und zusehen."

An die von finanziellen Nöten geprägte Kindheit in Lübbecke schloss sich für Karl Röttger der Besuch der Präparande, eines Vorbereitungskurses für den Lehrerberuf, und des Lehrerseminars in Petershagen an. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ihm bereits eine Lehrerstelle in Preußisch Ströhen übertragen und die Jahrhundertwende erlebte er als Lehrer in Schwenningdorf, Kreis Herford. 1901 starb Röttgers Vater, zwei seiner Söhne waren ihm bereits vorangegangen. Karl Röttger sah sich in die Pflicht genommen und verstand sich fortan als Ernährer und Beschützer der Mutter. Deshalb kehrte er bald darauf in seine Heimatstadt zurück und unterrichtete hier bis 1905 an der Bürgerschule am Markt. Aber das Gehalt war gering. Wieder einmal war die finanzielle Not im Hause groß. So nahmen Mutter und Sohn junge Männer in Kost und Logis, um eine zusätzliche Einnahme zu erzielen. Doch auch diese Einkünfte reichten kaum zum Leben.

Röttger, der inzwischen erste Erzählungen und Gedichte verfasst hatte, kehrte Lübbecke schließlich den Rücken und zog mit seiner Mutter nach Düsseldorf, wo er ebenfalls als Lehrer tätig war und erstmals auf den Philosophen und Schriftsteller Otto zur Linde traf. Otto zur Linde lebte in Berlin und war 1904 Mitbegründer der Zeitschrift "Charon", die im Folgenden auch bedeutsam für Röttger wurde. 1908, kurz nach seiner Eheschließung, wechselte Röttger daher von Düsseldorf nach Berlin und beteiligte sich bis 1911 als Mitherausgeber an der Zeitschrift. Röttger legte dabei großen Wert auf Tradition und ein christlich-ethisches Weltbild, ganz so, wie er es zu Hause kennengelernt hatte. Schon früh suchte Röttger darüber hinaus den Austausch mit Persönlichkeiten wie Detlef von Lilienkron, Richard Dehmel, Gustav Falke und Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler, Selma Lagerlöf und Theodor Lessing. Nach seiner Rückkehr ins Rheinland machte Röttger bei der "Kölnischen Zeitung" und als Herausgeber der Zeitschrift "Die Brücke" auf sich aufmerksam. Auch seine dramatischen Werke, seine Theater- und Kunstkritiken erfreuten sich großer Beliebtheit. Bekannte Theater und namhafte Schauspieler suchten den Kontakt zu Röttger. Die aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit erzielten Einkünfte hielten sich jedoch aufgrund der Zeitumstände dennoch in Grenzen und waren zur Sicherung des Lebensbedarfs nicht ausreichend. Bereits 1915, im Ersten Weltkrieg, trat Röttger daher in Düsseldorf erneut in den Schuldienst ein, behielt seine schriftstellerische Tätigkeit jedoch weiterhin bei. Aus Krankheitsgründen wurde Karl Röttger 1941 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Er verstarb am 1. September 1942 in Düsseldorf.

Auch nach seinem Tode wurden seine Schriften publiziert. Über Röttgers Erinnerungen an Lübbecke kann man besonders viel in seinen Büchern "Das Unzerstörbare" sowie in "Die fernen Inseln. Aus den Tagen der Kindheit." erfahren. Röttgers Erzählungen spiegeln die tiefe Verbundenheit zu seiner Heimatstadt wieder und erzählen unter anderem vom Leben der Handwerker in der Niedernstraße um 1900. Diese Straße war für Röttger, wie er sich in seiner Erzählung "Friedemann" erinnert, "eine Sache, so interessant, wie nichts auf der Welt und oft mit aufregenden Dingen dazwischen. Der Milchwagen vom Rittergut (Obernfelde) fuhr langsam daher, hielt vor manchem Haus, Frauen kamen mit den braunen Milchtöpfen – und dann fuhr er wieder. Bis er auch vor der Schmiedewohnung hielt und Friedemann hineinlaufen konnte und die Mutter rufen. Oder: aus dem Schreinerhaus wurde ein Schrank oder ein Tisch hervorgetragen, auf einen breiten Karren gelegt und hinweg gefahren; ein Bauer kam und trieb ein Kalb vor sich her, der Stellmacherlehrling kam daher, rollte ein neues Rad heran und gerade auf die Schmiede zu; der Schmiedegesell trat hervor und nahm das Rad zur Bereifung entgegen. Dann kam ein Wagen gefahren, und der Hund vom Klempner, der weiße Spitz, kläffte hinterher, eine ganze Weile. Der Garten lag neben dem Hause. Gegen die Straße und gegen das Trottoir durch einen Holzzaun abgetrennt. Wege, mit Buchsbaum eingefaßt, gingen hinein, eine viereckige Rasenfläche war da in der Mitte, mit Obstbäumen umstanden. Mutter legte da immer die frisch gewaschene Wäsche nieder. Beete und Rabatten schlossen sich tiefer hin an, gegen die Mauer zu waren die größeren Stücke Landes, die im Frühjahr mit Bohnen, Erbsen, Kartoffeln bepflanzt wurden."

Wer heute durch die Niedernstraße geht, kann nur noch erahnen, was Röttger damals empfunden hat. Längst prägen moderne, unter Einhaltung der Fluchtlinienpläne errichtete Neubauten und die zahlreichen gastronomischen Angebote das Straßenbild. Gerade deshalb aber kann man Röttger beipflichten, der die Sehnsucht nach dem Alten und den zugleich erhofften Wandel des Seins schildert und festhält: "Fragt aber nun einer, was ich denn eigentlich wolle, so kann ich nur antworten: 'Das Problem zeigen! Nichts anderes! – Das 'andere', das Tun müßt ihr selber finden."

nach oben zurück