ZWAR: Zur Dom-Maus und zum Weihnachtsmarkt in Bremen
Text: Claudia Schaaf-Gendig
Der Freitag vor dem 1. Advent ist ein guter Tag, um nach Bremen zu fahren. Der Weihnachtsmarkt ist schon eröffnet, an der Weser ist am Wochenende der stimmungsvolle Mittelaltermarkt geöffnet und ein bißchen Kultur muß auch sein. Das hat sich jedenfalls bewährt und so ist heute der Bremer Dom mit einer Führung dran, und seine Bleikammer mit den Mumien muß eigentlich jeder Norddeutsche mal gesehen haben.
Was waren das doch für schöne Zeiten im Sommer, als wir alle 9 Euro Tickets hatten und die Züge ganz voll waren. Heute müssen wir drei 5er Tickets ziehen und entwerten. Aber wie? Der Automat ist defekt. Günter hat die rettende Idee: mach ein Foto von dem Apparat!
Heute haben wir freie Platzwahl. Wir haben auch alle an Masken gedacht und die Schaffnerin entwertet unser Ticket manuell mit ihrem Kuli. Geht doch!
Eine Stunde später stehen wir vor dem Bremer Bahnhof und haben Zeit für einen gemütlichen Gang zum Dom. Als erstes besuchen wir auf dem Loriotplatz sein typisches Knollennasenmännchen, was sinnend auf einer Bank sitzt. Im Sommer möchte man sicher gern neben ihm verweilen, aber dazu ist es heute zu naßkalt. Aber: kein Grund zum Meckern.
Weiter geht es zum Kaisen Denkmal. Hier am Wall erinnert ein mannshohes Bronzedenkmal an Bremens ersten Bürgermeister, der Bremens Wiederaufbau förderte und für die europäische Einigung eintrat.
Eigentlich könnte man sich jetzt von Skulptur zu Skulptur hangeln, denn in der Sögestraße steht schon der Schweinehirt.
Machen wir aber nicht, sondern biegen links ab auf den Wall. Hier war Bremens allerbeste Stube mit Geschäften aller Art, die aber leider in die Jahre gekommen ist.
An der Bischofsnadel wechseln wir in die Wallanlagen zum Contrescape. Was ist denn das nun wieder? Ein bißchen Bildung darf es ja bitte sein. Laut Wikipedia ist die Contrescape die äußere Mauer einer Festung. Also gehen wir hier richtig auf historischem Grund. Und sehr nett ist es übrigens auch. Außerdem hat die Verkehrswende hier schon voll eingesetzt. Keine Autos. Aber Achtung! Vorsichtig! Raaaadfaaaahrer!
Der Wall endet an Bremens Kulturmeile. Es finden sich hier viele tolle Häuser: die Kunsthalle, das Wilhelm-Wagenfeld Haus, das Gerhard- Marcks Haus, das Theater am Goetheplatz und die Stadtbibliothek Bremen (ehemals Polizeihaus). Da wollen wir jetzt rein. Wie, einfach so in eine fremde Bücherei gehen? Das habe ich noch nie gemacht! Klar, irgendwann ist alles immer das Erste Mal.
Das Innere des Gebäudes überrascht uns total. Modern, großzügig und lichtdurchflutet ist hier eine standortorientierte Bibliothek vor 20 Jahren entstanden. Im Parterre gibt es verschieden Bistros. Wir sind ganz baff über die Art des Bezahlens. Münzen in die linke Box und Scheine in die rechte Box werfen und wir bekommen unser Wechselgeld exakt zurück beim Espressokauf.
Nach dieser kurzen Pause ist es nicht mehr weit bis zum Dom. Auf die Schnelle ein Blick nach rechts auf die GLOCKE, Bremens Konzerthaus.
Dann stehen wie auch schon vor den Bronzentüren des Doms. Sie sind ZU. Jeden Freitag ist bis 12.15 Uhr Andacht und heute etwas länger, weil zwei Diakone eingeweiht werden. Dementsprechend ist richtig viel los im DOM. Auch besuchen Weihnachtsmarktbesucher mit roten Mützen die Kirche.
Unsere Führung beginnt in der Krypta. Herr Puntke erzählt, wie vor 1200 Jahren mit Karl dem Großen genau hier an dieser Stelle in Bremen alles angefangen hat. Von den vielen Jahrhunderten zeugen Grabplatten und ein großes Taufbecken, was auch als „Litermaß“ galt. Geradezu jung ist dagegen die Silbermannorgel, an der ein Professor wartet, um seine Übungen fortzusetzen.
Es geht im Kirchenschiff weiter, wo man die einzelnen Bauabschnitte aus der Zeit von Romanik, Gotik und Renaissance ablesen kann. Außerdem gab es in den Jahrhunderten den Wechsel vom Katholizismus zum Luthertum, was sich auch an der Ausstattung zeigt. Die Kanzel zum Predigen und die Sitzbänke kamen erst nach der Reformation.
Aber wo ist denn nun die Maus? Genau richtig gefragt. Da gehen wir jetzt hin.
Am Hochaltar gibt es eine Außentür, an der unten im Rahmen eine kleine Maus aus dem Stein gehauen ist. Aber was soll sie da? Das hat etwas mit Maus, Ratte und Sex zu tun. Wenn du mehr wissen willst, dann musst du selber hinfahren.
In so einer großen Bischofskirche wie dem Bremer Dom hatte der Bischof viele Domherren um sich. Jeder dieser fünfzig Domherren hatte in den Seitenschiffen seinen eigenen Altar. Es war interessant, was unser Führer erzählt, mit welchen Widrigkeiten die hohen Herren während der Messen zu kämpfen hatten. Die großen Fenster waren noch nicht mit Glas verschlossen, sondern nur mit Pergament oder Decken, so daß ständig Vögel und Insekten durch das Kirchenschiff flogen, die entsprechend „kackten“ oder in den Messwein fielen. Aber man wußte sich schon zu helfen und benutzte ein Sieb für den Messwein.
Dann geht es in die unheimliche Bleikammer. Sie heißt so, weil dort der Aufbewahrungsort für das Blei war, welches für das Domdach gebraucht wurde.
Einmal fiel ein „Gastarbeiter“, von dem man nur den Namen Jan kannte, vom Dach. Da keiner etwas über ihn wußte, wurde sein Leichnam erstmal in der Bleikammer abgestellt, dann natürlich vergessen und nach Jahren als Mumie wiederentdeckt. Was war passiert? Der Dom wurde auf einer Sanddüne erbaut. Sand ist hygroskopisch, d.h. Sand liebt Wasser. Er entzieht seiner Umgebung Wasser. Das bedeutete für Jan, daß er trocknete, daß er quasi Dörrobst wurde. Und wir alle wissen: Rosinen sind haltbar!
Natürlich gab es dann allerhand Spektakel rund um die unglaubliche Mumifizierung. Und es ließ sich ganz gut Geld daraus machen. Aber gut und Schluß.
Hier ist unsere Führung zu Ende und es hat sich gelohnt, viel, also viel mehr als ich erzählt habe, zu erfahren.
Nebenan im Ratskeller ist für uns ein Tisch reserviert. Die Speisekarte hat für jeden etwas zu bieten: rustikale Grünkohlplatte, Bremer Knipp, Labskaus, Fischplatten und vieles mehr. Wir sitzen dort sehr gemütlich und lange.
Dann gehen wir über den Weihnachtsmarkt zur Schlachte, wobei es auch langsam dämmert. Wir haben Spaß an den Fotowänden und lassen uns als Piraten oder Seemannkumpel ablichten. Die Beleuchtung setzt ein und es wird ganz winterlich und weihnachtlich. Der Punsch schmeckt (oder auch nicht….) Man kauft Bonbons, Lichterhäuser oder auch nicht. Wir plaudern und fühlen uns wohl. Gut, daß wir zusammen sind. Die einen denken dann an den nächsten Zug, und die anderen denken: Ach nö. So werden die Fahrkarten verteilt und alle sind zufrieden. Im Zug staunen alle: was, 12.000 Schritte! Ja, so eine Stadttour hat es in sich und macht viel Spaß.