ZWAR: Potsdam wir kommen!
So viele Jahre radeln wir schon in unserer Heimat und jetzt soll es auf große Fahrt gehen. Wilhelm hat uns mit einer tollen Idee angesteckt: ‚Lasst uns mal nach Potsdam fahren, dann besuchen wir den weltberühmten Spargelhof in Klaistow und dann habe ich noch ein paar Asse im Ärmel.‘ 22 ZWARIS können dem Angebot nicht widerstehen.
Der Aufwand für die Fahrten wird quasi flach gehalten. Keine Buchung für uns alle, sondern jeder meldet sich selber im Hotel an. Es heißt: Lili Marleen! Welch eine Verheißung! Und liegt natürlich in Babelsberg. Auch die Anreise wird ‚flach gehalten‘. Wilhelm holt am Vorabend viele Räder mit einem Trailer ab. Ansonsten fahren alle so, wie sie wollen. Sie fahren mit ihrem Wohnmobil oder bleiben ein paar Tage länger oder nehmen einfach ein paar Freunde mit.
Fast klappt es mit einer pünktlichen Ankunft, aber wir haben ja alle in derselben Baustelle gesteckt. Und schon startet die erste Überraschung. Stefan Overkamp ist kein x-beliebiger Radguide, sondern er ist der Vorsitzende des ADFC Brandenburg. Als waschechter Westfale ist er ein absoluter Fahrradfan und kennt natürlich seine neue Heimat wie seine Westentasche. Er weiß vieles zu erzählen.
Eigentlich sind die Brandenburger keine Radelfans, auch wenn Presse und Politik das oft behaupten, sondern das Rad ist hier immer noch das ‚Arme-Leute-Transportmittel‘. Ihm wurde auch schon an den Kopf geworfen: ‚Zahlt ihr erstmal Steuern so wie wir!‘ Darüber mußte Stefan heftig schlucken, denn er ist ein erfolgreicher Manager. Sicherlich wird das neue Tesla Werk nicht die Radleidenschaft dort erhöhen, außer sie kommen auf diese Werbeidee: ‚In ihren neuen Tesla passt jedes Klapprad‘. (Das wäre dann der Spruch aus der Werbeabteilung aus dem Kreis Mi-Lü.)
Als Radfahrer werden wir in Stemwede ja sehr geschont. Keine Berge, die wir atemlos hochschnaufen und genauso atemlos bergab rasen, und vor allen Dingen kein Stadtverkehr! Große Sraßen, Busse, Straßenbahnen, riesige Kreuzungen mit Ampelanlagen und natürlich Baustellen. Unsere ganze Aufmerksamkeit ist maximal gefordert, bis wir dann nicht weit den Stadtrand erreichen und damit die Welt wunderschön wird. Schon glänzt rechts durch die Bäume der Templiner See. Es ist wie im Traum. Und dann beginnt ein Rauschen. Ein klarer Fall von Autobahn. 8 Spuren ziehen unter uns dahin, denn wir stehen auf einer Brücke nur für Radler. Unglaublich!
Stefan sagt, daß hinsichtlich Radwegen viel geplant wird. Aber ein Highlight ist schon lange fertig, das ist der Europa Radweg R1. Er ist diesen Weg 10 Tage lang mit seinem Sohn gefahren und dabei war er von den Wegen in Brandenburg total begeistert, denn sie wurden ganz neu für den Tourismus mit Fördergeldern entwickelt. Unser Weg führt uns heute an Biergärten vorbei nach Caputh. Wer glaubt: alles so schön flach hier, der kommt ins Staunen. Stets geht es irgendwie hoch und runter. Unsere beiden Bioradler kommen ganz schön ins Schwitzen. Albert Einstein hat diesen Ort berühmt gemacht. Und man kann nur sagen: der Name schwindelt; nichts ist kaputt in Caputh, sondern dieser Ort am Schwielowsee ist ausgesprochen charmant.
Upps, das waren die ersten 15 km. Sind wir bald daaaa? Nein! Aber nicht schlimm, denn es ist wirklich nur schön hier und auch sehr ländlich, was kein Wunder ist, denn mit 180.000 Einwohnern ist Potsdam viel kleiner als Münster. Beelitz Heilstätten ist ein bekannter Begriff. Für Autofahrer ist es eine Autobahnabfahrt. Viele aber wissen, daß es bis 1930 ein riesiger Krankenhauskomplex für Lungenkranke mit 60 jetzt denkmalgeschützten Gebäuden war, deren Ruinen uns beim Vorbeifahren eine traumhafte Kulisse abgeben und bei Fotoamateuren für Aufnahmen sehr beliebt sind. Sogenannte Lost Places.
Sind wir bald daaaa? Ich habe Hunger! Natürlich sieht man in der flachen Gegend nie, wohin der Weg führt, bis wir im großen Bogen auf eine Straße einbiegen und wir ein Riesenrad sehen. Wir sind angekommen. Streichelzoo, Hüpfburg, alles was das Kinderherz erfreut, begrüßt uns. Aber nein, es ist Jörg Buschmann, der uns persönlich begrüßt.
Der Werdegang dieses großen Gebietes aus 800 ha Spargelfeldern, Spezialitätenbuden, Obstanbau, Biergarten und Restaurants ist atemberaubend. Mit unermüdlicher Energie und viel Chuzpe ist diese bis nach Berlin so beliebte und außergewöhnliche Location entstanden. Es ist beeindruckend, mit wieviel Phantasie hier gearbeitet wird; und immer steht im Vordergrund: was wünscht sich der Besucher.
Was wir wünschen, ist auch ihnen klar, lieber Leser: Hunger und Durst haben wir. Es ist wunderschön im Biergarten zu sitzen und mit J.B. und einem sehr, sehr leckeren Gläschen Erdbeer Prosecco anzustoßen. Hmmm, ist das köstlich! Auf der großen Speisekarte findet jeder seine Lieblingsspeise und natürlich Spargel – Spargel – Spargel ...
Heimwegzeit! Natürlich geht es auf einem andern Weg zurück nach Potsdam, wobei wir in Geltow mit einem tollen roten Abendhimmel über dem Großen Zernsee belohnt werden. (Glaub bloß nicht, daß ich mir den Namen gemerkt hätte. Mußte ich nachsehen, denn eigentlich ist hier immer und überall Wasser). Zack, ein kleiner Sturz an einer Böschung. Aber wir brauchen noch nicht einmal Pflaster. Und das ist auch das einzige kleine Pech.
Unsere Rücklichter geben ein tolles Bild, wie wir in langer Reihe am See entlang fahren, da sehen wir aus wie Glühwürmchen. Eine Nachtfahrt haben wir uns schon immer gewünscht. Angekommen. Die Stadtfahrt ist jetzt viel ruhiger. Und sicherer. Tschüß, lieber Stefan. Es war eine tolle Tour, und du hast noch 11 km bis nach Hause. Der nächste Morgen steht zur freien Verfügung. Wir radeln in die Stadt. Touristeninfo, Alter Markt, Holländisches Viertel, Wochenmarkt. Einfach sich treiben lassen und natürlich ein EIS.
Um 14 Uhr gibt es die gemeinsame ‚Tour nach Irgendwo‘. Den Park Sanssouci darf man nicht durchradeln. Nur am Ende gibt es eine Strecke, die am Neuen Palais vorbeiführt. Dies ist der beste Platz, um endlich das Gruppenfoto zu machen. Unser Weg geht dann am See entlang. Wir erkennen die großen Hotels von der gestrigen Nachtfahrt. Unser Ziel ist die Seilfähre in Caputh. Ja, so eine Minikreuzfahrt ist eine schöne Abwechslung. Und im Fährhaus schmecken Eis und Kuchen gut.
Wer den ganzen Tag sich an der frischen Luft aufhält, bekommt natürlich Hunger. Wilhelm hat für uns beim Augustiner Plätze reserviert (der Augustiner am Kaiserbahnhof, NICHT der in der Innenstadt!), denn mit 20 Mann kann man nicht so irgendwo reinschneien. Auf der Karte stehen leckere Biere und zünftige Speisen. Rouladen, und natürlich Haxen mit Kraut Also traut euch! .
Mittlerweile ist unsere Gruppe stadtfest geworden. Die Fahrt durch die Innenstadt klappt schon richtig professionell und dann haben wir noch eine verrückte Idee: Kreiselsperren. Ja, es macht Mordsspaß, eine Extrarunde im Keisel zu drehen, während die Autos warten müssen. Übermut und Unfug hält jung. Uli hat davon ein kleines Video gedreht. Da ruft doch tatsächlich einer von uns: Freiheit für Fahrradfahrer!
Außerdem haben wir heute ein Geburtstagskind! S & S. Ständchen und Schnaps. Genau so muß ein Abend ausklingen. Letztes Frühstück, bezahlen, Räder aufladen und dann, und dann, und dann haben alle plötzlich Lust auf Dampferfahrt. Tatsächlich ist es traumhaft schön, diese vielen Schlösser vom Wasser aus zu sehen. Wer hatte diese tolle Idee, nach Potsdam zu fahren? Wer hatte das Superwetter bestellt?
Wer hatte für gute Laune gesorgt? Wer hatte einfach so Geburtstag? Jeder hat seinen Beitrag geleistet für diese gelungenen Tage.
Prima. Danke!