Szenen aus 90 Jahren Frauenwahlrecht
Kreis Minden-Lübbecke, 11.01.2007
"Die Gefühle sind es, die Frauen behindern"
Unterhaltsames Kaleidoskop von Szenen aus 90 Jahren Frauenwahlrecht
"Die Frau ist weder physisch noch aufgrund ihrer besonderen Umstände - Monatsperiode, Schwangerschaft, Wechseljahre - zum Richteramt geeignet. Zwar ist sie nicht von geringerer Intelligenz als der Mann, sie ist aber in weitgehendem Maße Gefühlseinflüssen unterworfen, die ihre sachliche Auffassung beeinträchtigen." Mit dieser Begründung versuchte Landgerichtsdirektor Stadelmann 1921 den Richterstand vor eindringenden Juristinnen zu schützen. Die gleiche Argumentation hat dazu geführt, dass Frauen erst seit 1919 das aktive und passive Wahlrecht zuerkannt wurde.
Die Ausstellung "... um die Stimmen der Frauen - das Frauenbild der Parteien im Spiegel ihrer Wahlplakate" zeigt Plakate aus 90 Jahren Frauenwahlrecht, auf denen die Parteien sich direkt an die Frauen wenden. Diese Ausstellung wurde unlängst von Landrat Wilhelm Krömer eröffnet. Sie ist bis zum 26. Januar von Montag bis Donnerstag zwischen 8.00 Uhr und 18.00 Uhr und freitags zwischen 8.00 Uhr und 14.00 im Kreishaus zu sehen.
Gastrednerin zur Ausstellungseröffnung war die Hamburger Soziologin und Buch-Autorin Ulla Fröhling. In ihrem unterhaltsamen Vortrag, der die Anwesenden oft zum Schmunzeln brachte, ging sie anhand einzelner Wahlplakate auf 90 Jahre Frauenwahlrecht ein. Um die Zuhörerschaft in die jeweilige Zeit zurückzuversetzen, beschrieb sie stichwortartig die wesentlichen Ereignisse und spielte aktuelle Musikstücke des betreffenden Jahres ein.
So war "Hallo, du süße Klingelfee!" der Schlager des Jahres 1919, als Frauen das erste mal zur Wahlurne schreiten durften. Bereits in den aller ersten Wahlplakaten zeigte sich das Prinzip, das bis heute weitgehend durchgehalten wurde: Frauen werden in erster Linie als Mutter angesprochen. Häufig sind sie auf Wahlplakaten mit Kind oder Kindern zusammen zu sehen in ihrer Rolle als Fürsorgende. Damit verbunden sind Appelle, die Pflicht zu tun, auch wird gern an das schlechte Gewissen der Frau appelliert. Helfen und retten sollen die Frauen, und zwar andere. Ihr eigenes Schicksal scheint nicht erwähnenswert zu sein, sind sie nur Mittel zum Zweck?
Der Frauenanteil im Reichstag betrug 1919 9,7 %. Dieser Wert wurde im Bundestag erst 1983 wieder erreicht, in der Zeit dazwischen lag er darunter, heute sind 31,6 % der Abgeordneten weiblich.
In der nationalsozialistischen Zeit wurde das passive Wahlrecht für Frauen abgeschafft. Die NSDAP kannte bereits eine Frauenquote, allerdings anders als wir sie heute verstehen: sie sollte den Frauenanteil in leitenden Funktionen möglichst gering halten.
1961 wurde die erste Frau in Deutschland Ministerin: Elisabeth Schwarzhaupt übernahm das Gesundheitsressort. 1976 moderierte Dagmar Berghoff als erst Frau die Tagesschau, damit hielten Frauen auch in die Medienwelt Einzug.
In den späten 80er Jahren und den gesamten 90ern, gab es keine Wahlplakate, die sich direkt an Frauen gewandt haben, im Bundestagswahlkampf 2002 tauchen sie jedoch wieder auf.
Die Ausstellungspräsentation ist eine Aktion der Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Minden-Lübbecke mit dem Titel "Frauen in die Politik!". Wer sich für weitere Angebote interessiert, wendet sich an die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Minden-Lübbecke, Andrea Strulik, unter Telefon-Nummer 0571/807-2109 oder unter e-mail a.strulik@minden-luebbecke.de.