NRW- Landesprogramm „Kultur und Schule“
Selbsterfahrung im Malort
Stemweder Schüler werden in Barnstorf mit Pinseln und Farben kreativ
BARNSTORF/WEHDEM
Ein weißes Blatt Papier aus freien Impulsen heraus zu befüllen, ist manchmal gar nicht so einfach. Zumindest, wenn man es nicht (mehr) gewohnt ist. Denn wer zu viel nachdenkt, der blockiert sich innerlich selbst – und das weiße Blatt bleibt leer. Diese und andere Erkenntnisse gewannen die Schülerinnen Milena Felber, Lisa-Marie Leicht und Evelyn Hübert und der Schüler Tjark Spreen der Stemweder-Berg-Schule in Wehdem jetzt im Malort in Barnstorf. Im Rahmen der AG „Selbsterfah- rung“ – ein Angebot des NRW- Landesprogramms „Kultur und Schule“ unter der Leitung der Stemweder Journalistin und Buchautorin Mareile Mattlage – hatten sich die Jugendlichen auf eine kleine Reise begeben, welche durchaus auch symbolisch verstanden werden kann. Denn jeder kreative Prozess ist bekanntlich immer auch eine Reise ins eigene Innere. Eineinhalb Stunden lang war aus dem fensterlosen kleinen Raum in Barnstorf kaum ein Mucks zu hören. Inmitten von leuchtenden Farben war jeder still ins ei- gene Bild versunken. Manche sahen dieses vor dem geistigen Auge prompt vor sich, bei anderen musste erst der Knoten „platzen“. Und so wurde das Bild zum Spiegel dessen, was im eigenen Inneren passierte.Der Malort, den Brigitte Meyer in ihrer Praxis für Gesundheit und Beratung in der Hauptmannstraße 1 in Barnstorf an- bietet (www.praxis-brigitte- meyer.de), ist angelehnt an die Theorie und Philosophie von Arno Stern. Der in Deutschland geborene Pädagoge und For- scher wanderte als Jude mit seiner Familie in der Zeit des Natio- nalsozialismus nach Frankreich aus. Hier gründete er in Paris den bis heute bestehenden Malort. Das Konzept: Menschen jeden Alters können im wertfreien Raum ohne Ablenkung malen. Dabei gibt es keinerlei Vorgaben und die Bilder werden im Anschluss weder verglichen oder gedeutet noch besprochen oder benotet. Die Bilder werden nicht mitgegeben, sondern bleiben im Malort, um Bewertung auszu- schließen. Die Leiter der Malorte kommentieren nicht, sondern nehmen eine dienende Rolle ein: Sie stellen das Material zur Verfügung, pinnen die Blätter an die Wand, füllen Farben nach, waschen Pinsel aus und geben bei Wunsch Hilfestellungen. Angelehnt an dieses Konzept des „Unschooling“ ist auch die AG „Selbsterfahrung“ in Stemwede von Mareile Mattlage gestaltet worden. Die Jugendlichen im Durchschnittsalter von 15 Jahren durften ein Jahr lang selbst entscheiden und demokratisch abstimmen, was sie machen wollten. Sei es Filme gucken, Rap-Musik hören, Theater- oder Zombieball spielen – auf Grundlage der Abstimmung wurden von Mareile Mattlage in dienender Rolle die entsprechenden Rahmenbedingungen für alle Wünsche geschaffen. Auch die Fahrt in den Malort nach Barnstorf war ein freiwilliges Angebot. Dazu gab es immer wieder kleine Theorieblöcke zu den Fragen: Was ist das denkende und was das fühlende Selbst? Wie äußert sich das Ego, wie äußert sich die Seele? Was ist Zeit, was sind Jetzt-Techniken? Die Ziele der AG waren zum einen, dass die Jugendlichen wieder wie Kinder zu spielen lernen sollten, und zum anderen, sie mit sich selbst zu konfrontieren, hieß es seitens der AG-Leitung: „Wer plötzlich machen darf was er will, der muss erst einmal wieder lernen, mit dieser Freiheit, mit sich selbst und auch mit der ihn umgebenden Gruppe zurechtzukommen“, sagt Mareile Mattlage. „Wer positive wie negative Gefühle nicht mehr auf einen Vorgesetzten beziehungsweise Lehrer oder ein bestimmtes Thema beziehungsweise Schulfach projizieren kann, ist gezwungen, sich mit dem wahren Grund für Freude, Trauer, Angst oder Wut auseinanderzusetzen. Nämlich mit den eigenen Gedanken.“ Mit spezifischen Landesprogrammen zur kulturellen Bildung will das Land Nordrhein Westfalen Jugendliche fördern und stärken. Zentrales Projekt ist dabei unter anderem das Pro- gramm „Kultur und Schule“, an dem sich seit 2007 auch der Kreis Minden-Lübbecke beteiligt.
Foto: Mattlage
Hatte viele Farben im Kopf: Schülerin Evelyn Hübert.