Menschen beistehen, Wünsche erfüllen, jeden Tag neugestalten: Die Arbeit im Hospiz ist vielfältig
Landrat Ali Doğan besucht das Hospiz veritas in Lübbecke
„Eine Region muss wollen, dass es ein Hospiz gibt, denn ohne bürgerschaftliche Unterstützung gäbe es keins“, sagt Antje Rohlfing, Leiterin des Hospiz veritas in Lübbecke, beim Besuch des Landrats Ali Doğan. Ihm ist es wichtig, diese Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. So kam er mit großem Interesse und einem offenen Ohr für die Arbeit des stationären Hospizes veritas ebenso wie mit konkreten Ideen zur Vernetzung und Unterstützung. Schnell wurde aus dem Besuch zum Kennenlernen ein angeregter Austausch. Hospizleiterin Antje Rohlfing, Detlef Siebeking (Bereichsleiter der PariSozial) und Christian Freitag als Pflegedienstleiter stellten dem Landrat ihre Hospizarbeit vor. Zehn von insgesamt 22 Betten im Kreis Minden-Lübbecke sind im Hospiz veritas, das Hospiz in Minden bietet 12 Plätze an. Das nächste stationäre Hospiz ist dann erst wieder in Osnabrück, andere sind noch weiter entfernt. Zwei Hospize in einem Flächenkreis, das ist viel, sind sich die drei einig. Denn: „Wir werden nicht komplett refinanziert, fünf Prozent unserer Arbeit basiert immer auf Spenden.“ Deshalb ist es wichtig, dass das Hospiz von der Region und den Menschen gewollt und getragen wird.
Etwa 100 Familien im Jahr werden im Hospiz veritas in Lübbecke mit der Begleitung eines sterbenden Angehörigen betreut, hier lernen sie die Arbeit im Hospiz kennen und schätzen. So verfestigt sich der Gedanke, beispielsweise bei Feierlichkeiten oder besonderen Anlässen Spenden zugunsten der Hospizarbeit zu sammeln. Außerdem sind 70 rote Spendenschweine im Umlauf. 20 von ihnen stehen immer am gleichen Ort, die anderen stehen an verschiedenen Stellen, zum Beispiel an der Kasse eines Geschäfts, das die Arbeit des Hospiz veritas unterstützen möchte. Auch in den beiden Straßenverkehrsämtern des Kreises in Lübbecke und in Minden wird für die Hospize in Lübbecke und Minden gesammelt „Das wollen wir fortführen“, so Landrat Ali Doğan, der gleich im Anschluss an seinen Besuch die Menschen über seine Social-Media-Accounts zum Spenden aufrief. „Wir wissen es zu schätzen, dass die Menschen aus der Region uns so breit unterstützen, das ist nicht selbstverständlich“, sagt Antje Rohlfing. Umgekehrt ist der regionale Bezug manchmal auch relevant bei der Vergabe der Plätze im Hospiz. Ein Aufnahmeantrag muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen: vorrangig nach Dringlichkeit und bisweilen auch nach Nachbarschaft. Wenn zwei Fälle gleich schwerwiegend sind, könne es ausschlaggebend sein, wenn einer der Antragstellenden aus dem Ort oder der näheren Umgebung käme.
Im Schnitt ist die Verweildauer der Gäste 21 Tage, also etwa drei Wochen. „Wesentlicher Inhalt unserer Arbeit ist, dass wir jeden Tag unsere Gäste neu fragen können, wie sie sich die Betreuung wünschen“, erklärt Antje Rohlfing und fügt hinzu: „Wir nennen sie nicht Patienten, weil wir den ganzen Menschen sehen und nicht nur seine Krankheit. Dazu gehört, dass wir in unseren Abläufen keinen festen Zeitplan haben. Wir stellen uns auf jeden Gast individuell ein. Dazu gehört oft, Dinge zu regeln, um den Menschen ihre Sorgen zu nehmen, damit sie in Ruhe gehen können.“ Dazu kann aber auch mal gehören, dass ein Gast sich zum Lebensende wünscht, einmal auf einem Pferd gesessen zu haben oder ans Meer zu fahren. Solche Wünsche werden – unter anderem dank der rund 70 ehrenamtlich Mitarbeitenden im Hospizdienst und der 100 Mitglieder des Freundeskreises – möglich gemacht. „Auch ein Alpaka hatten wir hier schon im Haus, weil das ein Wunsch war“, so Rohlfing. „Das ist ganz brav Fahrstuhl gefahren.“ Fahrstuhlfest sind ebenso die Shetlandponys, die eine Mitarbeitende regelmäßig mitbringt, um den Gästen und ihren Angehörigen eine Freude zu machen. Eigene Haustiere dürfen ohnehin tagsüber gerne bei ihren Menschen bleiben.
Insgesamt 35 bis 36 Mitarbeitende aus Pflege, Hauswirtschaft und psychosozialem Dienst sind im Drei-Schicht-System rund um die Uhr für Gäste und ihre Familien da. „Bei uns kommen 14,5 Kräfte auf 10 Betten, das ist ein ziemlich guter Schlüssel“, erklärt Detlef Siebeking. „Wir haben nur dreijährig examinierte Fachkräfte und keine Hilfskräfte“, ergänzt Christian Freitag. „Das liegt daran, dass viele medizinische Notwendigkeiten erledigt werden müssen durch die Krankheiten, die unsere Gäste haben.“ „Ich gebe es zu, ich finde den Gedanken an das Lebensende, das hier ja jeden Tag so nah ist, beklemmend“, sagt Landrat Ali Doğan. „Desto mehr bewundere ich alle, die hier täglich arbeiten und sich engagieren. Der Besuch hier im Hospiz veritas hat mir persönlich ganz viel gebracht.“ Antje Rohlfing hört öfter, dass Menschen erstaunt sind, wenn sie hereinkommen. „Viele sagen, sie hätten sich ein Hospiz viel dunkler vorgestellt, aber so ist es gar nicht.“ Ihr und den Mitarbeitenden macht es Freude, für sterbende Menschen und ihre Zugehörigen da zu sein. „Für uns alle hier ist das eine sehr sinnstiftende Aufgabe.“
Foto: v.l. Detlef Siebeking, Landrat Ali Doğan, Antje Rohlfing, Christian Freitag.
Foto: Sabine Ohnesorge/Kreis Minden-Lübbecke