Kurz nachgefragt - Bildung entdecken
Tuba Kantis, Mitarbeiterin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld (HWK OWL) und dort Projektverantwortliche für die „Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen NRW“ sowie Samantha Zöllner, Auszubildende bei der DEPENBROCK-Tochter Wilhelm Becker Bau und Ausbildungsbotschafterin Straßenbau, im Interview mit dem Bildungsbüro.
Unterwegs sein und für den eigenen Beruf begeistern – das haben sich die Ausbildungsbotschafter*innen zur Aufgabe gemacht. Erzählen Sie uns doch bitte kurz: Warum wird man Ausbildungsbotschafter*in, was muss man tun, um Ausbildungsbotschafter*in zu werden und vor allem: Was macht man da genau?
Tuba Kantis, Projektverantwortliche der HWK OWL:
Ausbildungsbotschafter*in wird man aus verschiedenen Gründen. Einige Auszubildende sehen darin eine Chance zur Persönlichkeitsentwicklung, sind von ihrem Beruf überzeugt und möchten ihre Begeisterung an Schüler*innen weitergeben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Andere nutzen die Gelegenheit, um ihre Angst und Nervosität beim Sprechen vor Menschengruppen zu überwinden.
Die wichtigsten Zutaten, um Ausbildungsbotschafter*in zu werden, sind die eigene Freude und Überzeugung am Beruf, die Bereitschaft diese Begeisterung weiterzuvermitteln und Schüler*innen zu „elektrisieren“. Als Ausbildungsbotschafter*in geht es nicht darum, perfekte Antworten zu liefern, sondern authentisch aus dem eigenen Berufsalltag zu berichten. Dafür kann man sich an grundsätzlichen Fragen orientieren: Wer bin ich? Was hat mich dazu bewegt, diesen Beruf zu ergreifen? Was fasziniert mich an meiner Tätigkeit? Gibt es Aspekte, die herausfordernd sind?
Zuerst werden die Ausbildungsbotschafter*innen von mir auf ihre Schuleinsätze durch eine gezielte Schulung vorbereitet. In dieser lernen unsere Botschafter*innen, welche Themen die Schüler*innen besonders ansprechen, um das Interesse der Jugendlichen zu wecken. Sie geben dabei Einblicke in den Berufsalltag und beispielsweise in den Bewerbungsprozess – denn der ist häufig aufregend. Bei dem Einsatz im Klassenzimmer werden Theorie und Praxis verbunden. Ein wichtiger Bestandteil der Vorstellung des eigenen Berufes ist die Mitmach-Aufgabe, die sich die Azubis für die Schulklassen vorab überlegen. Schrauben, Bohren, Sägen, Fräsen, Schleifen, Nageln, Formen, Verpressen, Hobeln, Malen, Dekorieren oder Frisieren sind nur einige der spannenden Tätigkeiten, die die Schüler*innen ausprobieren können.
Samantha Zöllner, Ausbildungsbotschafterin Straßenbau:
Am Anfang wusste ich nicht genau, was ich mir unter einem*einer Ausbildungsbotschafter*in vorstellen sollte. Als mir jedoch erklärt wurde, dass ich Schulklassen ab der 9. Jahrgangsstufe besuchen und den Schüler*innen ganz ehrlich von meinem Beruf berichten sollte, klang das für mich sehr spannend. Zu Beginn der Berufsausbildung war ich selbst sehr unsicher über die Erwartungen an mich. Ich fragte mich, welche Aufgaben mich erwarten würden. Letztlich hatte ich sehr großes Glück, denn mein Beruf macht mir viel Spaß. Als Ausbildungsbotschafterin sehe ich die Chance, den Schüler*innen meinen Beruf im Straßenbau vorzustellen. Leider wissen viele gar nicht, wie facettenreich der Job als Straßenbauerin ist. In einer Online-Schulung erhielt ich detaillierte Informationen zu den Aufgaben, dem Ablauf der Einsätze sowie zur Gestaltung und Vorbereitung unserer Präsentationen in den Schulklassen. Diese Schulung vermittelte mir und den anderen Auszubildenden nicht nur das nötige Wissen, sondern auch das Selbstvertrauen, unsere Erfahrungen mit den Schüler*innen zu teilen. Durch die sympathische Art von Tuba Kantis hat uns die Schulung viel Freude bereitet. Vor einem Einsatz erhalten wir von Tuba Kantis oder einer anderen Einsatzbegleitung der Handwerkskammer noch mal alle nötigen Informationen.
Immer wieder hört man davon, dass sich zu wenig Menschen für eine Ausbildung generell bzw. im Handwerk entscheiden würden. Sie sind vor Ort bei Schüler*innen und sprechen mit jungen Leuten, die gerade mitten in der Phase der beruflichen Orientierung sind. Wie ist Ihr Eindruck dazu? Ist eine Ausbildung für viele Schüler*innen nicht mehr interessant? Wie ist denn das Feedback der Schüler*innen im Gespräch mit den Ausbildungsbotschafter*innen zu diesem Thema?
Tuba Kantis, Projektverantwortliche der HWK OWL:
Tatsächlich ist weiterhin ein Trend zu erkennen, dass viele Schüler*innen ein Studium anstreben und sich seltener unmittelbar für eine Ausbildung entscheiden. Gleichzeitig stellen wir fest, dass immer mehr junge Menschen vor dem Einstieg in eine Ausbildung eine Hochschulreife erwerben. Diese Entwicklung zeigt: Das Handwerk wird zunehmend als anspruchsvolle, vielseitige und zukunftsorientierte Berufsoption erkannt.
Ich erlebe aber auch, dass viele Schüler*innen auf meine Frage was sie mit dem Handwerk verbinden, mit einer noch stereotypischen Vorstellung und der Aussage „Bauberufe“ antworten. Nur wenige wissen, dass Berufe wie Fotograf*in, Zahntechniker*in oder Augenoptiker*in auch zu den Handwerksberufen zählen. Wir versuchen die Schüler*innen aufzuklären und Optionen aufzuzeigen. Die Möglichkeiten der Weiterbildungen zur Meisterin oder zum Meister oder ein duales oder triales Studium im Handwerk sind häufig noch unbekannt. Umso wichtiger ist es, die Vorstellungskraft zu wecken und einen lebendigen Einblick in den Berufsalltag zu ermöglichen. Die Ausbildungsbotschafter*innen können den Schüler*innen konkrete Einblicke in ihren Tagesablauf und ihre Aufgabenschwerpunkte geben. Häufig gestellte Fragen sind: Wann beginnt mein Arbeitstag im Betrieb? Welche Themen werden morgens besprochen? Wie viele Pausen habe ich während des Arbeitstags? Bleibt genügend Freizeit für Hobbies und persönliche Interessen? Häufig reagieren viele Schüler*innen offen, interessiert und überrascht – und fangen an, Alternativen zum Studium aktiv in Betracht zu ziehen. Ausbildungsbotschafter*innen bieten den Schüler*innen die Gelegenheit, Vorbilder zu erleben und realistische Einblicke in Berufsbilder zu bekommen, die sie dann in einem Praktikum vertiefen können.
Samantha Zöllner, Ausbildungsbotschafterin Straßenbau:
Mein Eindruck ist, dass ein Studium in der Gesellschaft häufig besser angesehen wird – dieser Trend könnte vielleicht wieder zurückgehen. In Social Media gibt es einige Vorbilder, die zeigen, dass eine Ausbildung eher praktisch, aber nicht weniger wertvoll ist. Außerdem besteht immer noch das Vorurteil, dass man nur mit einem Studium viel Geld verdienen könne – aber das ist nicht richtig. Im Handwerk werden händeringend Fachkräfte gesucht – diese Kräfte vergüten Arbeitgeber dementsprechend.
Gibt es typische Fragen, die Schüler*innen interessieren und die bei den Besuchen der Ausbildungsbotschafter*innen immer wieder thematisiert werden, wenn es um Ausbildung geht?
Tuba Kantis, Projektverantwortliche der HWK OWL:
Die Frage nach dem Gehalt kommt in der Regel immer, falls sie nicht vorab von den Ausbildungsbotschafter*innen beantwortet wurde. Auch die Frage nach der noch zur Verfügung stehenden Freizeit während der Ausbildung, wird häufig gestellt.
Samantha Zöllner, Ausbildungsbotschafterin Straßenbau:
Das Geld ist hierbei auch ein großes Thema. Oft kommt dementsprechend die Frage auf, wie viel man in der Ausbildung und als gelernte Fachkraft verdient. Außerdem werde ich häufig gefragt, ob ich mit meiner Berufswahl zufrieden bin – als Frau. Ich freue mich dann immer, dass ich die Möglichkeit bekomme, typische Rollenbilder aufzubrechen.
Zuhören ist das eine. Erzählen das andere. Zeigen und Mitmachen nochmal etwas ganz anderes. Die Ausbildungsbotschafter*innen bereiten die Besuche in den Schulen intensiv vor und überlegen sich praktische Aufgaben für die Jugendlichen. Gibt es Aktionen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Tuba Kantis, Projektverantwortliche der HWK OWL:
Oh ja, da gibt es einige Aktionen, die einem im Gedächtnis hängen bleiben. Angefangen bei einer Anlagenmechanikerin, bei der die Schüler*innen ein Siphon zusammenbauen dürfen bis hin zur Zahntechnikerin, die aus Draht diverse Zahlen mit Zangen biegen lässt.
Ein Feinwerkmechaniker nahm seine Werkbank samt Werkzeug mit in den Klassenraum, sodass die Schülerinnen unter seiner Anleitung Flaschenöffner aus Aluminium anfertigen konnten. Eine Maurerin ließ die Schüler*innen eine kleine Mauer aus Legosteinen nach einem exakten Plan errichten – eine spielerische, aber lehrreiche Übung. Bei der Elektronikerin durften die Jugendlichen selbst Steckdosen verschalten. Eine Malerin und Lackiererin bot kreative Aufgaben an, bei denen Leinwände abgeklebt und anschließend farbenfroh bemalt wurden. Und auch Konditorinnen waren mit dabei: Sie zeigten den Schüler*innen, wie man aus Marzipan kunstvolle Rosen formt. Die Mitmachaufgabe ist der Moment, wo die Schüler*innen mit den Auszubildenden richtig ins Gespräch kommen. Sie reagieren immer sehr positiv darauf und haben die Gelegenheit, ihre Fragen zu vertiefen. Daraus ist das ein oder andere Mal schon ein Praktikum entstanden.
Samantha Zöllner, Ausbildungsbotschafterin Straßenbau:
Für den Beruf Straßenbau ist es schwierig, eine Praxisaufgabe zu gestalten, die die Schüler*innen anspricht. Ich habe mich dafür entschieden, die verschiedenen Hämmer mit den jeweiligen Materialien mitzubringen. Die Hämmer sollten die Schüler*innen dann den Materialien auf den Fotos zuordnen. Nach einem solchen Einsatz packte ich meine Materialien zusammen und verstaute die fünf Hämmer, die ich für die Mitmachaktionen mitgebracht hatte, in meinem Rucksack. Ein Schüler trat neugierig an mich heran, hob die Tasche an und war sichtlich überrascht über das Gewicht. Er staunte: „Dass ein paar Hämmer so schwer sein können.“
Sich als junger Mensch vor eine Klasse zu stellen und von seinem Beruf zu erzählen. Dazu gehört Mut. Frau Kantis, von Ihnen möchten wir gerne abschließend wissen: Was beeindruckt Sie am meisten an den Ausbildungsbotschafter*innen, die Sie begleiten? Samantha, was würden Sie neuen Ausbildungsbotschafter*innen raten, wenn sie das erste Mal vor einer Klasse stehen?
Tuba Kantis, Projektverantwortliche der HWK OWL:
Mich beeindrucken Ausbildungsbotschafter*innen, die ihren Beruf so engagiert vorstellen, als wären sie bereits erfahrene Fachkräfte. Sie sind überzeugende Vorbilder für die Schüler*innen. Ob introvertierte oder extrovertierte Botschafter*innen, ob schüchtern oder „Rampensau“, beeindruckend sind die unterschiedlichen Lebenswege, die letztendlich zu der entsprechenden Ausbildung im Handwerk geführt haben.
Samantha Zöllner, Ausbildungsbotschafterin Straßenbau:
Ich würde neuen Ausbildungsbotschafter*innen mit auf den Weg geben, dass es nicht schwierig ist, diese 45 Minuten zu füllen. Es ist normal, dass nicht jede Klasse gleich reagiert. Manche Gruppen sind sofort begeistert, andere benötigen etwas mehr Zeit. Lass dich nicht entmutigen, wenn zunächst keine Fragen kommen. In der Regel beginnt die Klasse aktiv mitzumachen, wenn der Unterricht anregend und entspannt gestaltet ist.
| Tuba Kantis Mitarbeiterin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld (HWK OWL) und dort Projektverantwortliche für die „Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen NRW“. |
| Informationen zu dem Projekt
Die Ausbildungsbotschafter*innen der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld sowie der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld sind mittlerweile ein fester Bestandteil der Berufsorientierung an vielen Schulen in OWL geworden. In dem Projekt Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen NRW – Unterwegs für „Kein Abschluss ohne Anschluss“ erhalten Schüler*innen von allgemeinbildenden Schulen sowie Oberstufen die Möglichkeit, Auszubildende mit unterschiedlichsten Ausbildungsberufen in 45-bis 90-minütigen Schuleinsätzen kennenzulernen. Das Projekt wird im Rahmen des Landesprogramms „KAoA“ durchgeführt und wird vom Land NRW und vom BMBF gefördert. |
Das Interview führten Verena Lodwig und Alessandra Kröger aus der Arbeitsgruppe "Kommunale Koordinierung und Bildung".
Quelle Bild 1: Pixabay
Quelle Bild 2: Tuba Kantis