Kurz nachgefragt - Bildung entdecken
Judith Amelung, Campusmanagerin für die Hochschule Bielefeld am Campus Minden, im Interview mit dem Bildungsbüro.
Achtung, eine Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, seit Juni 2024 werden keine neuen BahnCards mehr in Plastikform ausgegeben, sondern vorzugsweise integriert in einer App!“ Manche Nutzer*innen finden die Entwicklung zeitgemäß, andere hängen an der kleinen rechteckigen Karte in der Brieftasche. Woran denken Sie, wenn Sie die Stichworte Digitalisierung, Bahn, Forschung und Entwicklung hören?
Da denke ich zuerst an die vielen Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz moderner Technologien ergeben, um die Effizienz, Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit im Bahnverkehr zu verbessern. So kann die Bahn zu einem Verkehrsträger werden, der effizient und zuverlässig ist und einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet. Die Menschen dazu zu bekommen, vom individuellen Automobilverkehr auf den öffentlichen Personennahverkehr zu wechseln, ist eine große Herausforderung unserer Zeit, nicht nur aus Klima- und Umweltschutzgründen. Auch die Infrastruktur in den Städten und auf den Autobahnen kann die immer größer werdende Anzahl an Fahrzeugen nicht für immer aushalten. Die Lebensqualität der Menschen würde sich durch weniger Autos auf den Straßen deutlich verbessern – bessere Luft, weniger Lärm, mehr Platz für Fahrräder und vermutlich auch weniger Verkehrsunfälle. Durch meine Arbeit hier am RailCampus für den Studiengang Digitale Bahnsysteme der Hochschule Bielefeld habe ich erfahren, wie viel Potenzial im System Bahn steckt und an wie vielen Stellen an spannenden Projekten und Neuerungen geforscht wird, um das Bahnfahren wieder attraktiver zu machen.
Einzigartig in Deutschland und hier bei uns im Mühlenkreis zu finden: Digitale Bahnsysteme – ein Studiengang am RailCampus OWL in Minden, der viel zu bieten hat. Worin sehen Sie die Vorteile einer solchen spezifischen Ausrichtung? Und welche Möglichkeiten haben die jungen Leute nach ihrem Abschluss?
Man könnte denken, dass man durch die Wahl eines so speziellen Studiengangs auch an eine ganz spezielle berufliche Zukunft gebunden ist. Der Name sagt es ja schon: Es geht um Schienenfahrzeuge. Jedoch baut der Studiengang zu großen Teilen auf den klassischen Modulen eines Mechatronikstudiums auf: Elektrotechnik, Maschinenbau, Mathematik. Dadurch stehen den Absolvent*innen nach ihrem Abschluss alle Türen offen, um in Ingenieursberufen jeglicher Branchen durchzustarten. Besonders spezialisiert sind sie aber für die Bahnbranche. Im Studiengang wird Mechatronik mit Bahntechnik und einem großen Anteil Informatik kombiniert. So werden die Studierenden zu Fachkräften, die nicht nur in der Lage sind, mechatronische Aspekte im System Bahn zu bearbeiten, sondern auch digitale Lösungen für die aktuellen Herausforderungen des Schienenverkehrs zu entwickeln. Das Besondere am Studiengang ist auf jeden Fall die Verortung auf dem Gelände der DB Systemtechnik in Minden. Man studiert dort, wo man die Praxis hautnah miterleben kann. Die Bahntechnik-Module werden von Ingenieur*innen der DB Systemtechnik unterrichtet. Außerdem haben Studierende des Vollzeit-Modells die Möglichkeit, direkt vor Ort als Werkstudierende bei Firmen wie HARTING, WAGO, oder der DB Systemtechnik zu arbeiten und sich so nicht nur das Studium zu finanzieren, sondern auch erste Einblicke in die spätere Berufspraxis zu erlangen und ein erstes Netzwerk zu knüpfen. Wenn man sich für das praxisintegrierte Modell des Studiengangs entscheidet, bekommt man sogar noch tiefere Einblicke. Hier wechseln sich Theoriephasen mit längeren Praxisphasen in einem kooperierenden Unternehmen ab, natürlich auch vergütet.
„Nächster Halt: Job mit Zukunft!“ – so wird der Studiengang auf der Homepage der Hochschule Bielefeld beschrieben. Die Weichen dafür stellen aber die Schulbildung und eine gute Berufsorientierung. Benötigen Interessierte bestimmte Vorkenntnisse und wie kann man auch schon früh Begeisterung für Technik wecken?
Der Studiengang ist zulassungsfrei. Das bedeutet, dass erst einmal keine speziellen Vorkenntnisse erforderlich sind. In den ersten Semestern werden in allen Bereichen die Grundlagen geschaffen, bevor es dann mit komplexeren und anspruchsvolleren Modulen weitergeht. Natürlich ist ein grundsätzliches Interesse an Technik, Mathematik und Informatik gerne gesehen, so kann man sich auch mit Spaß und Motivation in komplizierte Themen hineinfuchsen und bleibt eher am Ball, wenn es mal komplexer wird. Die Schule ist auf jeden Fall ein großer Faktor, was die frühe Begeisterung für Technik angeht. An vielen Schulen und Bildungseinrichtungen gibt es mittlerweile gezielte MINT-Angebote, um die Schüler*innen schon früh mit dem Bereich vertraut zu machen. Das können Workshops, AGs, oder Schulwettbewerbe sein. So können Schüler*innen erfahren, was sie mit Technik, Mathematik und Informatik in der Praxis tatsächlich leisten können. Oft ist das Ganze in der Schule ja sehr theoretisch und man weiß gar nicht, wofür z.B. eine bestimmte mathematische Formel oder ein Code in der „echten“ Welt überhaupt gut ist und wofür man sie einsetzen kann. Es ist auch immer noch so, dass der Anteil weiblicher Personen im MINT-Bereich deutlich geringer ist, als der männliche Anteil. Auch da können Schulen oder andere Bildungseinrichtungen schon früh eingreifen, um die Stereotypen und Hemmschwellen abzubauen. Sie können spezifische Programme und Aktivitäten anbieten, die geschlechterübergreifend ansprechend sind. Ich denke da beispielsweise an Kombination von Technik und Informatik mit anderen Fächern und Themenbereichen (z.B. Kunst, Musik, Sport), um zu zeigen, dass es viele Anwendungsmöglichkeiten gibt, an die man vielleicht noch gar nicht gedacht hat. So kann sich die Welt der Technik für Personen öffnen, die bisher noch keine Berührungspunkte damit hatten oder glaubten, dass sie mit ihren Interessen und Stärken nicht kombinierbar ist.
Von Minden geht’s auf die Schienen der Welt. Denn auf dem Gelände der DB Systemtechnik GmbH werden internationale Züge auf Herz und Nieren, oder besser gesagt auf Bremse und Steckverbindung geprüft. Was beeindruckt die Studierenden Ihrer Erfahrung nach am meisten, wenn sie den Standort kennenlernen?
Ich glaube, die meisten Personen, die das Gelände der DB Systemtechnik das erste Mal betreten, hatten erstmal gar keine Vorstellung davon, was die Systemtechnik genau macht und was hier am RailCampus eigentlich alles passiert. So ging es mir jedenfalls, als ich im September hier am Standort angefangen habe. Die Prüfstände und Labore haben mich schon sehr beeindruckt und auch die vielen verschiedenen Züge, die hier regelmäßig auf dem Gelände stehen, um geprüft oder repariert zu werden. Außerdem entsteht hier durch den Verein „RailCampus OWL e.V.“ ein Kristallisationspunkt für die Bahntechnik mit einem immer größer werdenden Unternehmensnetzwerk, von dem die Studierenden profitieren können.
Sie selbst haben keinen technischen Hintergrund. Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie Zug fahren?
Tatsächlich nehme ich das Zugfahren seit meinem Start am RailCampus anders wahr. Ich pendele täglich von Osnabrück nach Minden, also verbringe ich viel Zeit an Bahnhöfen und in Zügen. Natürlich sitze ich nicht mit in den Vorlesungen, beschäftige mich aber im Rahmen meiner Arbeit viel mit den Inhalten des Studiums. Außerdem erfahre ich auch durch den Austausch mit den Studierenden, Lehrenden und den anderen Akteuren am RailCampus viel über die fachlichen Inhalte. Zum Beispiel fallen mir nun die Zahlen und Buchstaben an der Seite von Wagons auf, wenn ich in einen Zug steige und weiß bei vielen auch, wofür sie stehen. Auch habe ich gelernt, wie die Bremsen in einem Zug funktionieren und warum ein Zug dafür über ein spezielles Fallrohr manchmal ganz feinen Sand auf die Schienen blasen muss. Ich habe einen Blick in das System Bahn erlangen können, der mir vermittelt hat, dass es bei den meisten Dingen, über die man sich als Fahrgast gerne und schnell beschwert, oftmals um die Sicherheit auf der Strecke geht. Das ist eins der obersten Gebote im Schienenverkehr – die Sicherheit der Fahrgäste und Mitarbeitenden geht immer vor. Um den hohen Sicherheitsstandard weiterhin zu gewährleisten und gleichzeitig Staus, Reparaturen, und Verspätungen zu verringern, brauchen wir Fachkräfte, die Automatisierungen und smarte Innovationen für die Bahn der Zukunft entwickeln. Und genau dafür lohnt sich ein Abschluss im Studiengang Digitale Bahnsysteme der HSBI.
| Zur Person: Judith Amelung arbeitet seit September 2023 als Campusmanagerin für die Hochschule Bielefeld am RailCampus OWL. Dort ist sie zusammen mit einem weiteren Kollegen für den Studiengang Digitale Bahnsysteme zuständig. Sie studierte an der Universität Osnabrück und hat einen Masterabschluss in English and American Studies. Kontakt: |
Das Interview führten Alessandra Kröger und Verena Lodwig aus der Arbeitsgruppe "Kommunale Koordinierung und Bildung".
Quelle Bild 1: Pixabay
Quelle Bild 2: Judith Amelung