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Datum: 20.06.2023

Kurz nachgefragt - Bildung entdecken

Jürgen Tuscher vom RailCampus OWL in Minden im Interview mit dem Bildungsbüro


Was begeistert Sie als Geschäftsführer vom RailCampus OWL in Minden an der Bahnbranche und was könnte Nachwuchskräfte überzeugen, in diesem Bereich zu arbeiten?

Hauptsächlich begeistert mich, dass die Bahnbranche unwahrscheinlich vielfältig ist. Als Verkehrssystem, das spurgeführt, zugangskontrolliert und getaktet funktioniert, sind so viele Bereiche im System Bahn integriert, zum Beispiel im Bereich Infrastruktur alles, was mit Bauen zu tun hat. Dies gilt sowohl für Schienen, Schwellen, Schotter als auch für die Hochbauten, wie z.B. Bahnhöfe. Natürlich ist auch alles enthalten, was auf Schienen fährt, vom hochschnellen ICE bis zu Eisenbahngüterwagen. Damit das Ganze funktioniert, bedarf es einer Leit- und Sicherungstechnik, die ebenfalls sehr mannigfaltig ausgeprägt ist. Von alter noch elektro-mechanischer Technik bis zu hochmodernen digitalen Stellwerken ist alles dabei. Die Tätigkeiten in der Bahnbranche gehen dabei vom Planen, Entwickeln über das Betreiben, Warten und Instandhalten hin zum Rückbau, Recyclen, Redesign. Da wird es nie langweilig.

Ich glaube, dass junge Menschen eine Arbeit suchen, die sinnstiftend ist. Durch die Vielfalt im Bahnsystem gibt es so viele Möglichkeiten, den Bereich und die Tätigkeit zu finden, die einem persönlich am meisten Freude bereitet. Und wenn man dabei ein wichtiges Zukunftsfeld, nämlich die Mobilität, aktiv mitgestalten kann, bewegt das sicher junge Menschen dazu, bei uns im Bahnbereich zu arbeiten. Wir brauchen kluge Köpfe, die aktiv gestalten wollen.

Mobilität ist in jedem Alter wichtig, vom Kinderwagen bis zum Bürgerbus für Seniorinnen und Senioren. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wie wird die Mobilität im ländlichen Raum aussehen?

Kurz mit vier Worten gesagt: kundengerecht, vernetzt, multimodal, intelligent. Das bedeutet, dass sich Verkehrsangebote an den Bedürfnissen der Fahrgäste und Logistiker*innen orientieren. Schienengebundene Verkehrssysteme bilden auf Grund der besten Ökobilanz das Rückgrat der Mobilität. Sie werden mit autonom fahrenden, auf Abruf funktionierenden Straßenverkehrssystemen ergänzt. Das Ganze ist für die Kunden komfortabel von einem Ort aus plan- und buchbar mit einem einfachen Eintarif-Einticket System. Fahrzeuge, Zugänge und Informationen sind auch für Personen mit Einschränkungen vollumfänglich zugänglich. Es gibt für diesen Personenkreis auch Serviceroboter an den Haltestellen. Im Bereich Logistik werden Güter automatisch be- und entladen und in schon vorkonfektionierten Behältern in die Feinverteilung auf die letzte Meile geschickt.

Minden ist ein Bahnstandort mit Tradition – warum ist die Region auch ein Standort für Innovation und Entwicklung?

Das liegt meines Erachtens an drei Faktoren. Zum einen gibt es hier mit dem Campus OWL einen Zusammenschluss von fünf staatlichen Hochschulen, der alles andere als selbstverständlich ist, da auch Hochschulen um Studierende und Forschungsgelder konkurrieren. Der zweite Faktor ist die mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur. Auch hier gibt es mit "it´s OWL" ein Cluster, das auf Kooperation angelegt ist. Damit ist eine gute Verknüpfung zwischen Forschung und Wirtschaft möglich. Der dritte, meines Erachtens wichtigste Faktor, ist der hoch ausgeprägte Wille, in OWL zusammenzuarbeiten und Ergebnisse zu erzielen, die auch umsetzbar sind. "Weniger reden, mehr machen" ist eine erfolgversprechende Devise. Nicht umsonst ist deshalb die DB Systemtechnik bzw. ihre Vorläuferorganisation, das Bundesbahnzentralamt, seit 1950 in Minden und ein international anerkannter Bahntechnologie Standort.

Der RailCampus OWL in Minden wird ein Ort des Lernens. Welche Angebote können wir erwarten?

Seit dem Wintersemester 2022/2023 gibt es schon den Bachelor-Studiengang „Digitale Bahnsysteme“, den die vier Hochschulen im RailCampus OWL e.V. gemeinsam durchführen. Hier werden Kenntnisse vermittelt, wie intelligente technische Systeme in das System Bahn integriert werden können. Perzeption, Sensorfusion, bildgebende Verfahren sind einige Schlagwörter aus dem Curriculum. Nähere Informationen sind auf der Webseite der Hochschule Bielefeld erhältlich (https://www.hsbi.de/studiengaenge/digitale-bahnsysteme).
Im Wintersemester 2025/2026 soll ein Masterstudiengang „Intelligente Bahnsysteme“ folgen.

Aber nicht nur Studiengänge werden angeboten. Auch Aus- und Weiterbildung wird es geben. Ab 2024 sollen Fahrdienstleiter*innen, Lokführer*innen oder Wagenmeister*innen - neben den schon bei der DB AG bestehenden Ausbildungsangeboten - in der Pionierstr. 10 ausgebildet werden. Dies ist interessant für Berufseinsteiger*innen oder -umsteiger*innen.

In vielen Kinderzimmern findet man Eisenbahnen, Schienen und das typische Modell einer Dampflok. Wie war das bei Ihnen? Haben Sie noch eine Modelleisenbahn im Keller stehen?

Nein, nicht im Keller, sondern im Garten und im Koffer. Ich fahre in den Maßstäben 1:32 im Garten, z.B. habe ich Lummerland für meine Kinder im Gartenteich aufgebaut und den Maßstab 1:220. Da passte ein Gleisoval mit Abzweig in einen Aktenkoffer. Dieser Koffer hat mir schon oft den Besprechungserfolg gerettet. Wenn sich Parteien verhakt haben und jeder auf seiner Position besteht, hat eine Pause, bei der die Kontrahenten die Köpfe zusammenstecken mussten, um die kleine Bahn im Koffer fahren zu sehen, oft Wunder bewirkt. Danach war die Situation meist entspannter. Das funktionierte auch außerhalb des Bahnbereichs. Allerdings sehe ich eine zu große Begeisterung mit gemischten Gefühlen. Sie verstellt oft den klaren Blick auf den erforderlichen Anpassungsbedarf.

 

Zur Person:

Jürgen Tuscher ist seit Oktober 2021 Geschäftsführer des RailCampus OWL. Er hat in über 30 Jahren Erfahrungen im Bahnbereich in unterschiedlichen Positionen sammeln können, unter anderem war er Geschäftsführer bei Stuttgart 21 und Geschäftsführer des Verbandes der Güterwagenhalter.



Das Interview führten Alessandra Kröger und Verena Lodwig aus der Arbeitsgruppe "Kommunale Koordinierung und Bildung".



Quelle Bild 1: Pixabay
Quelle Bild 2: Jürgen Tuscher

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