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Datum: 28.11.2022

Kurz nachgefragt - Bildung entdecken


Monika Hartmann vom AWO Kita/Familienzentrum Niedermehnen im Interview mit dem Bildungsbüro.



Die hohe Bedeutung der „frühen Pädagogik in den Kindertageseinrichtungen“ für den weiteren Bildungsverlauf ist durch Studien belegt. Was ist für Sie das Besondere an der Arbeit und warum lohnt es sich, Erzieher*in zu werden?

Das Besondere an unserer Arbeit ist die große Verantwortung, die wir haben. Eltern vertrauen uns ihre Kinder an und wir haben den Auftrag, die individuellen Bedürfnisse der Kinder und ihren Familien zu erkennen. Im Kindergartenalltag steht das jeweilige sozial- kulturelle Umfeld bis zum Schuleintritt im Zentrum. Dabei ist es uns besonders wichtig, eine frühe Förderung des Demokratieverständnisses und der Bildung zu leisten. Gemeinschaftsgefühl, Neugierde aufs Lernen wecken und vor allem Partizipation gehören zu unserer täglichen Arbeit.

Dabei spielt auch die Elternarbeit eine große Rolle. Gemeinsam im guten, vertrauensvollen Austausch steht immer das Wohl des Kindes im Mittelpunkt. Die Grundlagen der Kinderrechte, die leider immer noch nicht im Grundgesetz verankert wurden, sind dabei selbstverständlich. Verschiedene Netzwerke, Kooperationen, zum Beispiel mit den „Frühen Hilfen“ unterstützen unsere tägliche Arbeit mit den Familien ganzheitlich.

Der Beruf ist also sehr vielseitig und abwechslungsreich, vor allem auch deshalb, weil die Kinder in ihrer authentischen Art im täglichen Miteinander so viel zurückgeben. Mit Engagement und Professionalität bietet die Ausbildung auch eine große Chance, die Zukunft mitzugestalten. Astrid Lindgren, die sich zeit ihres Lebens für Kinderrechte und Frieden eingesetzt hat sagte einmal:

„Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt im großen Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen!“

Arbeiten bei „bis zu 117 Dezibel“ und regelmäßiges Sitzen auf „Zwergenstühlen“ sind sicherlich schon besondere Herausforderungen im Job. Wenn Sie die Entwicklung in den letzten Jahren betrachten, mit welchen speziellen Anforderungen sind die pädagogischen Fachkräfte in unseren Kitas konfrontiert?

„117 Dezibel“, ja, das passt irgendwie! Mit fast vierzig Jahren Erfahrung in diesem Beruf kann ich schon sagen, dass die frühkindliche Bildung so manchen Wandel vollzogen hat. Die Erziehungsstile haben sich auch immer wieder verändert. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass Eltern immer unsicherer wurden. Heutzutage ist die Selbstverständlichkeit in der Erziehung verloren gegangen. Wie sicher sind Eltern heute mit sich selbst und ihrer Elternrolle? Nur eine klare Haltung gegenüber dem Kind bietet Handlungsmöglichkeiten, dass auch Kinder sich sicher und authentisch fühlen.

Viele brauchen heute mehr Unterstützung dabei, eine eigene Haltung darin zu finden, wie sie behutsam und nachdrücklich ihre Kinder zu Toleranz und Verantwortung erziehen können. Heutzutage gibt es viel mehr „gestresste Eltern“, besonders durch private oder berufliche Probleme oder durch gesellschaftlichen Druck. Das beeinflusst natürlich die Kinder und damit auch unsere Arbeit. Umso mehr stehen wir vor der Herausforderung, den Kindern einen geschützten Lernort zu bieten. Deshalb investieren wir viel in die Elternarbeit.

Gleichzeitig sind aber auch die Anforderungen an die pädagogischen Fachkräfte immer größer und anspruchsvoller geworden. Qualitätssicherung, Dokumentation und Digitalisierung prägen heute unsere tägliche Arbeit sehr. Die aktuellen Medien machen deutlich, wie es heute den pädagogischen Kräften geht. Permanente Überforderung auch durch herausfordernde Kinder, Erschöpfung und besonders der Fachkräftemangel machen uns heutzutage wirklich schwer zu schaffen.

Das hat sicherlich auch mit dem Stellenwert des Kindes und unseres Berufes in der Gesellschaft zu tun. Noch immer wird der Beruf nicht richtig anerkannt und ist mit Klischees behaftet. Nach dem Motto: Erst in der Schule wird es richtig ernst….

Verglichen mit den skandinavischen Ländern haben wir in unserem Land noch großen Nachholbedarf, was den Stellenwert der Kinder, Familien und Fachkräfte betreffen. Dort wurden zum Teil schon in den 90er Jahren die Bildungssysteme überarbeitet. Bei den unterschiedlichen Stufen ab der frühkindlichen Bildung arbeiten alle Hand in Hand ohne Aussonderung und Abwertung. Die Chancengleichheit ist dort eine Selbstverständlichkeit. Zum Beispiel haben Dänemark und Schweden hoch entwickelte und flexible Elternurlaubssysteme.

Entspannte Eltern- entspannte Kinder- gute pädagogische Arbeit

Zeiten von Corona, Ukrainekrieg und Finanzkrise bereiten vielen Erwachsenen Probleme und Sorgen. Bewegen diese Themen auch unsere ganz Kleinen und welche Kinderängste bzw. Nöte werden im Kindergarten angesprochen?

Oh ja! Keiner darf unterschätzen, was Kinder in ihrem Alltag alles wahrnehmen und wie sie sich darüber z.B. auch in der Kita austauschen. Damit beschäftigen wir uns täglich. Hier sind eine behutsame, professionelle Begleitung und Haltung besonders wichtig. Aktuelle Beispiele aus den Medien sind zum Beispiel die Flutkatastrophe im Ahrtal, die Coronazeit und der Krieg in der Ukraine. Auch Aussagen über Putin kommen quasi vom Fernsehen und/oder Küchentisch ungefiltert zu uns.

Das sind ja alles Dinge, die auch uns Erwachsene sehr bewegen! Bei solchen schwerwiegenden aktuellen Geschehnissen bekommen wir aber auch immer mentale Unterstützung vom Träger. Er sorgt dafür, dass wir uns in akuten Situationen gut aufstellen können, um Kindern Ängste zu nehmen und um sie professionell zu begleiten. Bei dem Austausch über die Flutkatastrophe hat sich der Wunsch von Kindern helfen zu wollen zu einem großen Projekt entwickelt. Es ist unglaublich, wie sehr sich die Kinder selbständig für einen Basar in der Kita engagiert haben, damit eine andere Kita im Ahrtal sich neues Spielzeug kaufen kann. Dabei begleiten und unterstützen wir sie und gemeinsam entsteht ein sehr großes Gemeinschaftsgefühl.

Gelebte Solidarität: Das macht stolz und dankbar…

Frei nach „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ von Pippi Langstrumpf: Was wäre für Sie der ideale Kindergarten? Und was braucht es dafür?

Pippi Langstrumpf ist ein gutes Stichwort! Immer wieder wird die Schriftstellerin Astrid Lindgren reduziert auf das „harmonische Bullerbü“, was es ja heute so in der Realität nicht zu geben scheint. Dabei war sie uns allen schon immer weit voraus, wenn es um Kinderrechte und Frieden ging. Ihre Appelle für eine gewaltfreie Welt und liebevolle Erziehung von Kindern sollten wir alle ernster nehmen. Geborgenheit und Freiheit, ist es nicht auch das, was wir heute unseren Kindern wünschen? Was die wichtigste Grundlage ist, um gesund aufzuwachsen?

In vielen Bereichen haben wir uns schon weiterentwickelt. Auch Medienerziehung gehört zu unserer täglichen Arbeit genauso wie regelmäßige Fortbildungen und Gesundheit und Prävention für Fachkräfte.

Wertschätzung, mehr Anerkennung und Höherwertigkeit des Berufes, gute Ausbildungen, bessere Bezahlung (auch während der Ausbildung) und weniger „Stress“ im Alltag sind entwicklungsfähig… Besonders in der Coronazeit haben wir festgestellt, dass die Arbeit mit den Kindern viel intensiver und störungsfreier war. Helle freundliche Räume, viel Platz, Naturräume und gesunde Ernährung fördern ebenso ein gesundes Aufwachsen.

Aber alles steht und fällt mit guten Fachkräften, die in der Lage sind, mit Begeisterungsfähigkeit und guter Teamarbeit die große Herausforderung in unserem Berufsalltag zu bewältigen. Das ist sicher eines unserer größten Wünsche für die ideale Kita!

Investieren für die Zukunft!!!

Es gibt so viele tolle Geschichten, die man in der Adventszeit gemeinsam lesen kann. Haben Sie noch einen Tipp für ein schönes Kinderbuch?

Da gibt es so viele Angebote, dass es mir schwerfällt, ein Buch besonders hervorzuheben. In der heutigen Medienwelt gibt es so viele Möglichkeiten sowohl an Büchern als auch medial. Natürlich sollte man kritisch sein und den Kindern nicht alles ungefiltert anbieten. Es ist sowieso immer besser, sich Zeit zum Vorlesen zu nehmen. Das lieben Kinder: Zeit mit den Eltern bei einem guten Buch!

Als Kindeswohlbeauftragte möchte ich hier viel lieber die Gelegenheit nutzen, allen Eltern eine gute Lektüre für sich selbst zu empfehlen:

Niemals Gewalt - mit einem Vorwort von Dunja Hayali  (Oetingerverlag)

In diesem kleinen Buch findet man die Rede von Astrid Lindgren anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von 1978- damit hat sie einen Meilenstein für Kinderrechte gesetzt. Ich finde, dass sollte jeder Erwachsene einmal gelesen haben und es eignet sich auch besonders gut als kleines Geschenk.
   

Zur Person:

Monik Hartmann ist seit 1987 Erzieherin und leitet das AWO Kita/Familienzentrum Niedermehnen seit 1993. Sie ist Kindeswohlbeauftragte und Fachkraft für musikalische Früherziehung.

 

Das Interview führte Alessandra Kröger aus der Arbeitsgruppe "Kommunale Koordnierung und Bildung".

 
Quelle Bild 1: Pixabay
Quelle Bild 2: Monika Hartmann




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