Kritische Diskussion zur Krebs-Impfung für Mädchen
Kreis Minden-Lübbecke, 30.04.2008
Kritische Diskussion zur Krebs-Impfung für Mädchen
Über 100 Interessierte haben die Chance genutzt, um sich auf der Veranstaltung „Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs“ im Kreishaus umfassend zu informieren. Die stellvertretende Landrätin Birgit Härtel lenkte bei der Begrüßung die Aufmerksamkeit auf den Titel, der sowohl mit einem Ausrufe- als auch mit einem Fragezeichen endet. „Damit soll verdeutlicht werden: es liegt eine Impfung vor, aber ein paar Fragezeichen sind durchaus angebracht“, so Härtel, die zur Besonnenheit aufforderte, „denn die Zellveränderungen erstrecken sich über viele Jahre und können bei regelmäßiger gynäkologischer Untersuchung gut erkannt und entsprechend behandelt werden.“
In seinem einleitenden Vortrag verdeutlichte der Leiter des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes Dr. Matthias Pulz: „Die genitale HPV-Infektion ist die weltweit häufigste sexuell übertragbare Infektion. 70 Prozent der sexuell aktiven Frauen und Männer infizieren sich zumindest einmal während ihres Lebens mit HPV, am häufigsten zwischen dem 20. und 25.Lebensjahr.“ In Deutschland erkranken jährlich rund 6.500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, fast 1.700 sterben daran. Die von HPV übertragenen Genitalwarzen entarten nicht zu Krebs, belasten aber die Psyche sehr stark.
Moderatorin Nirma Schomeier deckte in der Podiumsdiskussion ein breites Meinungsspektrum zur HPV-Impfung auf. Sie verwies darauf, dass sich die Ständige Impfkommission (STIKO) bereits im März 2007 dafür aussprach, alle Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren gegen Humane Papillomviren (HPV) impfen zu lassen. Erstmals schien es möglich geworden zu sein, einer Krebserkrankung per Impfung vorzubeugen.
Es gibt allerdings bis heute keine Belege dafür, dass sich mit der Impfung auch die Zahl der Krebserkrankungen verringert. Der Grund: Ein Gebärmutterhalstumor entsteht erst 10 bis 15 Jahre nach einer HPV-Infektion. „In die Impfung ist große Hoffnung gesetzt worden. Die Ergebnisse der neuesten Studien wurden in Fachkreisen jedoch mit Enttäuschung aufgenommen, da die Schutzwirkung hinter den Erwartungen zurückblieb. Vor dem Hintergrund der ungeklärten Nebenwirkungen sollte daher nur nach sorgfältiger Abwägung im Einzelfall geimpft werden. Eine generelle Impfempfehlung halte ich für verfrüht“, sagt Dr. Ansgar Gerhardus, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld.
Prof. Dr. Ulrich Cirkel, Chefarzt der Frauenklinik am Johannes Wesling Klinikum Minden, stellt klar: „Fakt ist, dass sich durch die Impfung eine Ansteckung mit HP-Viren vom Typ 16 und 18 fast hundertprozentig vermeiden lässt. Diese Virentypen verursachen etwa 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs.“ Petra Greisner, Vertreterin der Krankenkassen im Kreis, ergänzt: „Es hat niemand je behauptet, dass der Impfstoff hundertprozentig vor Krebs schützt. Er schützt gegen die beiden Virentypen, die am häufigsten Gebärmutterhalskrebs verursachen. Aus Sicht der Krankenkassen ist die Impfung kein Ersatz für die Früherkennung, sondern die ideale Ergänzung dazu."
Diese Feststellung deckt sich mit der Meinung der Ärzte auf dem Podium. Sicher ist, dass der HPV-Impfstoff nur vorbeugend wirkt und nicht gegen eine bestehende Infektion eingesetzt werden kann. „Unklar ist allerdings, inwieweit der Impfschutz über den bisherigen Beobachtungszeitraum von fünf Jahren hinaus anhält und ob eventuell eine spätere Auffrischungsimpfung erforderlich ist“, so Dr. Peter Witte, Leiter des Kreisgesundheitsamtes.
Judith Storf von der unabhängigen Patientenberatung in Bielefeld hält die HPV-Impfung für bedenk-lich. „Wir sollten bedenken, dass heute noch keine Erkenntnisse über mögliche Spätschäden einer HPV-Impfung vorliegen. Es bestehen aber sehr gute Erfahrungen mit der Verhinderung von Gebär-mutterhalskrebs durch Früherkennung.“ Allein die Frauen, die alle drei Jahre einen Zervixabstrich ma-chen lassen, verringern ihr Krebsrisiko um über 90 Prozent, so Storf. Daher solle mehr in die Vorsorge investiert werden als in eine fragwürdige Impfung, die darüber hinaus mit 500 Euro sehr teuer sei.
Dr. Rüdiger Schulte, Bezirksvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte, widerspricht: „Ge-bärmutterhalskrebs war bei jungen Frauen in der Vergangenheit die häufigste krebsbedingte Todes-ursache. Neben dem seit 30 Jahren sehr erfolgreichen Krebsvorsorgeprogramm sollten wir froh sein, dass mit der Impfung eine weitere Möglichkeit der Gegensteuerung vorhanden ist.“ Sicherlich, so Schulte, könnte das auch durch eine noch stärkere Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen er-reicht werden. Mit der Impfung erreiche man Frauen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten.
Judith Storf sieht in der Impfung auch eine Gefahr: „Ich befürchte, dass sich geimpfte Mädchen womöglich in einer trügerischen Sicherheit wiegen. Das könnte zur Folge haben, dass sie die wichtigen und nachweislich wirksamen Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt vernachlässigen. Besonders die Werbung schürt zudem Ängste, eine neutrale Beratung ist daher sehr wichtig.“
Dr. Christiane Kühn, Kinderärztin aus Rahden, betont, dass in der Rahdener Kinderarztpraxis gerade im Rahmen der Jugendgesundheitsuntersuchung J1 umfassend beraten wird: „Eine Wirkung der Impfung ist zu erwarten, wenn keine Infektion mit HPV-Typ 16 oder 18 besteht. Im Idealfall sollte die Impfung daher vor dem ersten Sexualkontakt erfolgen, doch auch später ist sie noch sinnvoll.“
Schwere unerwünschte Nebenwirkungen gab es laut der beteiligten Ärzte bislang nicht. Die Impfung werde gut vertragen. Die beiden in Deutschland und Österreich aufgetretenen Todesfälle stehen nach Aussagen von Dr. Pulz zwar in einem zeitlichen Zusammenhang zur Impfung, es gebe jedoch keine Anhaltspunkte für einen ursächlichen Zusammenhang.
Zum Abschluss bilanzierte Moderatorin Nirma Schomeier: „Letztendlich ist es wie bei vielen Dingen immer eine persönliche Entscheidung, ob die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen werden oder darüber hinaus eine Impfung in Betracht kommt. In jedem Fall ersetzt die Impfung keine Vorsorge.“
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