Häusliche Gewalt in Pflegebeziehungen
Kreis Minden-Lübbecke, 08.12.2008
"Immer noch ein Tabuthema" - Häusliche Gewalt in Pflegebeziehungen
Die Wahrscheinlichkeit, im Alter Opfer einer Gewalttat zu werden, ist nicht größer als in anderen Lebensphasen. Unter bestimmten Bedingungen steigt jedoch das Risiko, und dazu gehört die häusliche Pflegesituation. Wie häusliche Gewalt in privaten Pflegebeziehungen entstehen kann, wie Hilfeangebote aussehen und verbessert werden können und vor allen Dingen, was getan werden kann, damit kritische Situationen erst gar nicht eskalieren, das waren Themen auf einer Fachveranstaltung des Kreises Minden-Lübbecke in der Kampa-Halle.
Über 50 Fachleute, die vorwiegend aus dem Altenhilfebereich kamen, waren der Einladung von Gleichstellungsstelle und Sozialamt gefolgt. "Gewalt gegen alte und pflegebedürftige Menschen sind immer noch ein Tabuthema", sagte Landrat Dr. Ralf Niermann in seiner Begrüßung. Er hob die Leistungen des seit Anfang 2008 tagenden Arbeitskreises „Häusliche Gewalt in der Pflege“ hervor, der unter anderem einen Informationsflyer über bestehende Hilfeangebote und einen Pflegekurs mit dem Themenschwerpunkt „Prävention von Gewaltsituationen“ entwickelt hat.
Pflegebedürftigkeit in nennenswertem Umfang trete erst jenseits des 85. Lebensjahres ein, stellte Hauptreferent Prof. Dr. Thomas Görgen von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münsterzu Beginn seines Vortrags fest. Durch die demografische Entwicklung werde sich die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von heute rund zwei Millionen auf rund drei Millionen im Jahr 2020 erhöhen. Zwei Drittel von ihnen werden gegenwärtig zuhause gepflegt. Görgen schilderte Fallbeispiele aus seinen Untersuchungen, die zeigen, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht so eindeutig trennbar sind wie bei anderen Gewalthandlungen. Im Gegenteil ist es häufig so, dass auch die sogenannten Täterbzw Täterinnen sich häufig als Opfer und hilfebedürftig empfinden.
Was kann getan werden? Ein neues Angebot des Kreises Minden-Lübbecke mit der Telefonseelsorge Ostwestfalen ist aus Görgens Sicht ein positiver Schritt . Ab Frühjahr 2009 bieten sie eine telefonische Begleitung an, bei der Betroffene Entlastung und emotionale Unterstützung bekommen. Wenn nötig, erhalten sie Hinweise auf weiterführende Angebote.
Die Kölner Journalistin Cornelia Benninghoven moderierte die anschließende Podiumsdiskussion mit Fachleuten aus der Region. Die Zusammenarbeit der Akteure vor Ort funktioniert bereits gut, soweit Erfahrungswerte vorliegen. Noch zu selten wenden sich Betroffene an bestehende Hilfeangebote. Eine wichtige Rolle haben hier Hausärztinnen und Hausärzte sowie der ambulanten Pflegedienste, da sie oft die einzigen sind, die Zugang zu Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen haben.
Zu kontroversen Diskussionen führte die Frage, inwieweit die Ausweitung bundesgesetzlicher Regelungen, zum Beispiel in Anlehnung an das Jugendhilferecht, sich unterstützend in dieser Thematik auswirken könnte. Der Sozialdezernent des Kreises Hans-Joerg Deichholz wies in seinem Abschlusswort darauf hin, wie wichtig es sei, dass am Thema weitergearbeitet wird, damit die vorhandenen Strukturen und Kräfte noch besser gebündelt und eingesetzt werden können.