Häusliche Gewalt: Schwangere besonders gefährdet
Minden-Lübbecke, 19.03.2007
Häusliche Gewalt: Schwangere besonders gefährdet
Schwangere sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Warum das so ist, wie sich das auf Mutter und Kind auswirkt und wie medizinisches Fachpersonal in dieser Situation unterstützen kann, darüber referierte Tara Regine Franke jetzt im Kreishaus.
Die PRIO-Vernetzung gegen häusliche Gewalt im Kreis Minden-Lübbecke (Prävention-Intervention-Opferschutz) hatte die Mindener Hebamme, die auch als Dozentin, Autorin und Illustratorin von Fach- und Kinderbüchern arbeitet, zusammen mit dem Qualitätszirkel „Ärzte gegen häusliche Gewalt" eingeladen. Andrea Strulik, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, und der Mindener Gynäkologe Dr. Michael Voß begrüßten über 30 Hebammen und Fachleute aus Beratungsstellen und sozialpädagogischen Diensten.
Wie Tara Regine Franke ausführte, stellt Schwangerschaft keinen Schutz gegen häusliche Gewalt dar, sondern es besteht im Gegenteil ein besonders hohes Risiko. Grund: Eine Schwangerschaft bringt viele Veränderungen mit sich, latent vorhandene Gewalt kann in Krisen ausbrechen. Das könnte mit einem Streit über die Frage beginnen, ob das Kind ausgetragen oder abgetrieben werden soll.
Eine Rollenveränderung steht an, viele Paare ziehen erst wegen der Schwangerschaft zusammen oder heiraten. Eine neue Wohnung muss gesucht oder ein Haus gekauft werden, finanzielle Spielräume verändern sich. Für viele Frauen bedeutet die Mutterschaft den vorläufigen oder endgültigen Abbruch ihrer beruflichen Karriere, viele Männer müssen sich auf die Verantwortung als Alleinverdiener einstellen. Dazu kommen hormonelle Veränderungen bei der werdenden Mutter, die zu Stimmungsschwankungen und erhöhten Erwartungen an den Partner bezüglich Fürsorglichkeit und Schutz führen können. Viele Männer fühlen sich diesen Anforderungen nicht gewachsen.
Einer Untersuchung der Berliner Charité zufolge wird jede siebte Frau während der Schwangerschaft oder im Wochenbett körperlich und/oder sexuell misshandelt. Eine andere Studie stellt fest, dass zwischen 12 und 63 Prozent der in der Schwangerschaft gestorbenen Frauen einem Mord zum Opfer gefallen sind. Insbesondere jugendliche Mütter haben ein 2,6fach erhöhtes Risiko, direkt nach der Geburt ermordet zu werden. Täter sind meistens die Partner.
Folgen körperlicher Gewalteinwirkungen können unter anderem frühe Wehen, Blutungen, Fehl- oder Frühgeburten sein. Auch das ungeborene Kind ist in Gefahr. Kleine Kinder leiden unter Gewalt gegen ihre Mutter. Säuglinge können das als besonders bedrohlich erleben, da sie die Angst der Mutter direkt spüren. Das kann bei Säuglingen zum Beispiel zum Dauerschreien führen. Mögliche Folge: Die Kinder werden selbst Gewaltopfer. Tara Regine Franke rief eindringlich dazu auf, in Verdachtsfällen wie zum Beispiel bei plötzlichem Kindstod die Leiche zu obduzieren, um etwaige Straftaten aufzudecken.
Warum verlässt eine Frau ihren gewalttätigen Mann nicht? Die meisten Frauen sind in einer sehr zwiespältigen Haltung ihrem gewalttätigen Partner gegenüber. Sie haben ihn geliebt oder lieben ihn noch und hoffen trotz allem, dass es umgekehrt genauso ist. Durch die Schwangerschaft oder das neugeborene Kind fühlen sie sich besonders verletzlich und abhängig, sei es finanziell oder emotional. Soziale Kontakte sind vielleicht verloren gegangen. Gewalt während der Schwangerschaft oder im Wochenbett ist noch mehr tabu als häusliche Gewalt, so dass viele Frauen sich nicht trauen es anzusprechen.
Was können Ärztinnen, Ärzte und Hebammen tun, um betroffene Frauen zu unterstützen?
Tara Regine Franke fordert, dass bei jeder Anamnese die Frage nach häuslicher Gewalt zum Standard werden sollte. Das Gespräch sollte in angemessener Atmosphäre stattfinden und nicht etwa während der Untersuchung. Eine vertiefte Behandlung durch die Mediziner ist nicht notwendig, dafür gibt es Fachberatungsstellen im Kreis.
Informationsmaterial für Patientinnen gibt es zum Beispiel bei der Gleichstellungsstelle des Kreises Minden-Lübbecke, Telefon 0571/807-2112.