Gefahrenabwehr auf Abruf
Kreis Minden-Lübbecke, 18. Juli 2011
Gefahrenabwehr auf Abruf
150 Einsatzkräfte aus den Kreisen Minden-Lübbecke und Herford beim WM-Halbfinale in Mönchengladbach
„Geduld ist eine Tugend“, sagt Katharina Tücke von der Johanniter Unfallhilfe (JUH) Minden-Ravensberg. Ihre Kolleginnen und Kollegen sitzen in der Technikhalle der Feuerwache II in Mönchengladbach Holt und spielen Karten oder Geschicklichkeitsspiele, lesen oder unterhalten sich. Auch Fußball wird in der Halle gespielt, in der Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr Mönchengladbach stehen und die so groß ist wie ein Fußballfeld. Tücke ist gemeinsam mit 150 Helferinnen und Helfern aus den Kreisen Minden-Lübbecke und Herford gegen 14 Uhr in Mönchengladbach angekommen. Ihre Aufgabe ist, die örtlichen Einsatzkräfte im Ernstfall in der notfallmedizinischen Versorgung zu unterstützen. Die Feuerwache ist 500 m vom Fußballstadion im Borussia-Park in Mönchengladbach entfernt. Dort beginnt um 18 Uhr das Halbfinal-Spiel der Frauenfußball Weltmeisterschaft, USA gegen Frankreich.
„Im Ernstfall müsste alles ganz schnell gehen. In zwanzig Minuten könnten wir die ersten Patienten versorgen. Wir kommen erst zum Einsatz, wenn die Helfer im Stadion ausgelastet sind“, erklärt Manuel Tücke, der für die Versorgung der Schwerstverletzten zuständig ist. Der Behandlungsplatz für die medizinische Versorgung von 50 bis 100 Patienten würde dann auf einem Sportplatz direkt neben dem Stadion aufgebaut. „Nach einer ersten Eingangsuntersuchung werden die Patienten je nach Dringlichkeit und Schwere der Verletzung in unterschiedliche Kategorien aufgeteilt. Bei dieser Sichtung haben wir für jeden Verletzten maximal 90 Sekunden Zeit. Schwerstverletzte müssen sofort behandelt werden“, erklärt Alexander Hermelink vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) Löhne, der für den Behandlungsplatz verantwortlich ist. Insgesamt stehen acht Notärzte und rund 100 Rettungskräfte für die Versorgung der Verletzten bereit. „Wenn nötig werden die Patienten in die umliegenden Krankenhäuser transportiert“, so Hermelink. Für den Krankentransport stehen Rettungs- und Krankenwagen bereit.
Koordiniert und vorbereitet wurde der Einsatz von Norbert Werger vom Kreis Minden-Lübbecke und Stefan Krome vom Kreis Herford. Die überörtliche Hilfe wurde vom Ministerium für Inneres und Kommunales NRW angeordnet. Das Team ist eingespielt, denn es ist bereits der dritte gemeinsame Einsatz der beiden Kreise bei der Frauen-WM in Mönchengladbach. Die ersten beiden Spiele, Brasilien gegen Australien und Frankreich gegen Deutschland, verliefen ohne Zwischenfälle.
In der Halle sind zwei Großbildleinwände aufgebaut, auf denen viele der Helferinnen und Helfer ab 18 Uhr das Spiel schauen. Andere haben sich in den Ruheraum zurückgezogen. Insbesondere die Fahrer benötigen bei längeren Einsätzen eine Pause. Für Martin Granitza gehört das Warten dazu. „Aber wenn es zum Ernstfall kommt, sind wir sofort hundertprozentig da, dafür sorgt schon das Adrenalin“, so Granitza. Er engagiert sich ehrenamtlich bei den Johannitern in Löhne. 2004 hat er als Zivildienstleistender angefangen, danach ist er dabei geblieben „Man kann das mit einem Virus vergleichen – entweder man wird angesteckt oder nicht“, erklärt der 27-Jährige. Er will Menschen helfen – aus Nächstenliebe. Er hat sich jetzt von den Johannitern zum Notfallseelsorger ausbilden lassen. „Das Spannende ist auch, über den Tellerrand zu schauen. Man kommt viel rum und es gibt sehr spannende Einsätze, beispielsweise bei Konzerten oder Filmpremieren“, so Granitza. Von den 150 Einsatzkräften sind rund 100 ehrenamtlich tätig. Manche werden von ihren Arbeitgebern freigestellt, viele müssen sich einen Tag Urlaub nehmen. "Ohne die Ehrenamtlichen, die sich in den Feuerwehren und in den Hilfsorganisationen engagieren, könnten wir unsere Aufgaben in der Gefahrenabwehr gar nicht erfüllen", erklärt Norbert Werger.
Um kurz vor 20 Uhr wird das Spiel abgepfiffen: Die Mannschaft der USA steht im Halbfinale. Es gab keine Zwischenfälle. Um 20 Uhr 20 wird der Einsatzbefehl von der Einsatzleitung aufgehoben. Die Helferinnen und Helfer treten eine Stunde früher als geplant den Rückweg nach Ostwestfalen an, in zwei Kolonnen mit 38 Fahrzeugen. Gut, dass nichts passiert ist.