„Dann geh‘ doch nicht ins Internet“… Medienverweigerung ist heute keine Lösung mehr
Mit etwa 80 Teilnehmenden fand ein Runder Tisch gegen häusliche Gewalt zum Themenschwerpunkt „Digitale Gewalt“ regen Zuspruch. Im Focus standen die beiden Gruppen, die am meisten unter digitaler Gewalt zu leiden haben: Jugendliche und Frauen.
Eingeladen hatte die PRIO-Vernetzung gegen häusliche Gewalt (Prävention - Intervention - Opferschutz) im Kreis Minden-Lübbecke. In ihrer Begrüßung beschrieb die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Minden-Lübbecke, Andrea Strulik, die Zusammenhänge der Gewaltformen in der digitalen und analogen Welt. Sie plädierte dafür, die Neuen Medien nicht insgesamt zu verteufeln, sondern wirksame Gegenstrategien zu den gewaltförmigen Auswirkungen zu entwickeln.
Andrea Buskotte von der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen referierte über Cybermobbing unter Jugendlichen. Digitale Kommunikation ist für junge Leute inzwischen existentiell. Am häufigsten wird das Internet von dieser Altersgruppe zur Kommunikation mit anderen genutzt, aber auch, um Filme anzusehen, Musik zu hören sowie zur Informationsbeschaffung. Zwei Drittel der gemobbten Personen erleben sowohl Mobbing in der realen Welt als auch Cybermobbing, die Übergänge sind hier also fließend. Die weitaus häufigste Reaktion von Opfern auf Mobbingattacken ist Wut, aber auch Verzweiflung und Hilflosigkeit. Laut einer Untersuchung hat für über die Hälfte der Täter das Cybermobben keine Konsequenzen. Weniger als jeder fünfte Täter hat sich schlecht gefühlt, noch seltener ist Ärger mit den Eltern oder in der Schule die Folge. Gegenstrategien gegen Cybermobbing sollten sich laut Andrea Buskotte nicht auf eine Person konzentrieren, Jugendliche sollten nicht als Täter oder Opfer angesprochen werden. Sinnvoller sind Gespräche in einer Gruppe. Folgende Fragestellungen können dabei hilfreich sein: Hast du von Cybermobbing gehört? Was würdest du einem Freund oder einer Freundin raten? Wie wollen wir in dieser Gruppe miteinander umgehen?
Dagmar Freudenberg, Leiterin der Fachstelle Opferschutz im Landespräventionsrat des Justizministeriums Niedersachsen, hielt ihren Vortrag über Gewalt gegen Frauen im Internet aus juristischer Sicht. Sie stellte heraus, dass beim Mobbing im Internet Männer eher beruflich betroffen sind, Frauen eher sexuell. Auch häusliche Gewalt findet ihre Fortsetzung heute häufig im Internet. Sie bedauerte, dass im Strafrecht kein eigener Straftatbestand für Mobbing oder Cybermobbing verankert ist. Viele Bedrohungen, die bei Frauen große Ängste, zum Teil Rückzug oder auch psychische Folgen auslösen, sind nach derzeitiger Rechtslage nicht justiziabel. Darüber hinaus ergeben sich zum Teil praktische Probleme. Bei der Strafverfolgung muss eine zustellfähige Adresse vorhanden sein. Dies ist aber aufgrund der Anonymität im Netz nicht immer der Fall. Sie wies immer wieder auf den Widerspruch hin, dass auf der einen Seite die Meinungsfreiheit und ein freies Internet wichtige Errungenschaften sind. Auf der anderen Seite müssen Auswüchse bekämpft werden und Straftaten auch tatsächlich verfolgbar sein.
Foto: Andrea Strulik, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Minden-Lübbecke,
Andrea Buskotte, Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen,
Dagmar Freudenberg, Leiterin der Fachstelle Opferschutz im Landespräventionsrat Niedersachsen
Foto: Kreis Minden-Lübbecke/Mirjana Lenz