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Datum: 28.04.2016

Es gibt einen Weg zurück ins Leben - Ausstellung »Klang meines Körpers« rückt das Thema „Essstörungen“ in den Blick der Öffentlichkeit

Essstörungen sind ein Suchtverhalten, das über Jahre hinweg oft im Verborgenen bleibt – mit schwerwiegenden Folgen, die für die Betroffenen letzten Endes tödlich sein können. Grund genug, dieses Thema im Rahmen der Suchtaktionswochen im Kreis Minden-Lübbecke verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Mit der Ausstellung „Klang meines Körpers“, die in dieser Woche im Mariensaal des Diakonischen Werkes zu sehen war, ist dies gelungen. Die von betroffenen Jugendlichen mit Hilfe von Musiktherapeuten und einer Grafikerin selbst erarbeitete Wanderausstellung berührt und sensibilisiert auf wertschätzende und respektvolle Weise für ein gesamtgesellschaftliches Thema. Obwohl vorrangig Mädchen im Alter von zwölf bis 25 Jahren betroffen sind, wurde das Projekt vor vier Jahren um ein Jungenmodul ergänzt.

„Wird bei Mädchen heutzutage insbesondere durch den Druck der Medien mit Castingshows oder durch Perfektionismusstreben eine Essstörung ausgelöst, hat bei Jungen die Biggerexie (der Versuch mit exzessivem Sport, Diätverhalten, Nahrungsergänzungsmitteln oder Anabolika die Figur zu verändern) stark zugenommen“, erklären Antje Priesmeier von der Drogenberatungsstelle des Kreises und auch Martina Biemer, Lehrerin und Fachkraft für Suchtprävention am Ratsgymnasium, die mit der Klasse 9b der Ausstellung einen Besuch abstattete. Die Begleitung jener Schulklasse machte deutlich, wie die Ausstellung Jugendliche berührt und durch Auseinandersetzung mit authentischen Einzelschicksalen zum Nachdenken anregt.

Streit mit Freunden oder Eltern, der Verlust einer nahe stehenden Bezugsperson, Stress, Mobbing, Misserfolge, mangelndes Selbstwertgefühl, Perfektionismus, das Streben nach in den Medien verkörperten Idealen waren nur einige von den Schülern in einer Diskussionsrunde genannte Ursachen, die eine Essstörung auslösen könnten. Insbesondere der Streit mit Freunden oder der Familie kristallisierte sich bei den jungen Menschen als eine entscheidende Situation heraus, die das eigene Leben stark ins Wanken bringen könne. Anhand authentischer Briefe der betroffenen Frauen erhielten die Mädchen und Jungen einen Einblick in deren Gefühlswelt, erarbeiteten in Gruppen, was zu Magersucht, Bulimie oder ähnlichem geführt hatte. Schockierend war, dass einige Betroffene dem Tod nur knapp entronnen waren. „Viele Betroffene trauen sich aus Scham nicht, Hilfe zu holen, oder wissen nicht, wo sie Hilfe finden. Das gilt für Magersucht ebenso wie für Übergewicht“, weiß Martina Biemer. Neben Ursachen, die in die Krise führten und dem Durchleben der Krise selbst, hatten die Betroffenen in der Ausstellung aber auch ihren Weg zurück ins Leben aufgezeigt. „Die Kraft liegt in dir selbst“ war nur eine Erkenntnis, die die Schüler beim Blick in „Schatzkisten“ mit nach Hause nehmen konnten – kleine Holzkisten, in die die Betroffenen das hineingelegt hatten, was ihnen bei ihrer Erkrankung geholfen hat. Auch davon, dass nicht zuletzt der Musik in Form von aufbauenden, Kraft gebenden und stärkenden Popsongs für den Weg aus der Krise eine große Bedeutung zukam, konnten die Ausstellungsbesucher über ein Kopfhörermodul überzeugen.

„Das Wissen darum, wie man in eine Essstörung hineinrutschen kann, bietet einem selbst einen gewissen Schutz“, resümierte eine Mädchengruppe der Schulklasse nach ihrer Teamarbeit. „Es geht emotional sehr nahe, wie die Betroffenen ihre Suchtgeschichte schildern. Man kann sich sehr gut hineinversetzen.“

„Die Ausstellung ist sehr gut angenommen worden. Viele Schulklassen aus dem ganzen Kreisgebiet und auch Klinikpatienten sind zu Gast gewesen und haben sich mit der Thematik aktiv auseinandergesetzt“, so Antje Priesmeier. „Alle Besichtigungstermine waren ausgebucht.“ Lehrerin Martina Biemer regte an, eine solche Ausstellung in verschiedenen Schulzentren quer durch den Mühlenkreis Einzug halten zu lassen. „Denn es ist noch immer ein Thema, das aus Angst oder Scham kaum in der Öffentlichkeit thematisiert wird.“ Auch Betroffene, die bisher ihr zerstörendes Geheimnis hüteten, fänden in der Ausstellung Informationen und Hilfen für den Weg zurück ins Leben. Das Ausstellungsprojekt im Mariensaal konnte mit Hilfe des Projektes „Gesunde Schule im Mühlenkreis“, des Präventiven Rates, Kreisjugendring, der Selbsthilfe-Kontaktstelle, des Diakoniewerkes Minden, der Fachstelle für Suchtprävention und des Netzwerkes Essstörungen in den Mühlenkreis geholt werden.

Text und Foto: Anja Schubert

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Mit Lehrerin Martina Biemer setzten sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b des Ratsgymnasiums mit der auf großen Schautafeln veranschaulichten Problematik auseinander.

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