Diskussion über Altenwohlgefährdung im Kreishaus
Kreis Minden-Lübbecke, 10. Mai 2011
Gratwanderung zwischen Fürsorge und Grenzüberschreitung
Diskussion über Altenwohlgefährdung im Kreishaus
Eine ältere Frau steht am Treppenabsatz und droht zu stürzen. Sie wird unsanft von ihrer Tochter zurückgezerrt. Eine andere Frau will nicht mehr essen. Sie wird von ihrem Ehemann unter dem Tisch getreten, bis sie es doch tut. Ein verwirrter alter Mann will immer auf die Straße laufen. Sein Sohn verschließt die Türen, damit sein Vater im Haus bleibt. Ähnliche Fälle haben sicherlich viele pflegende Angehörige erlebt. Handelt es sich dabei um Fürsorgemaßnahmen im Sinne der Betroffenen oder bereits um Gewalt? - Der Grenzbereich zwischen Fürsorge und Gewalthandlungen war Thema einer Veranstaltung zum Thema Altenwohlgefährdung im Kreishaus. Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen diskutierten öffentlich vor und mit Fachleuten aus Altenhilfeeinrichtungen wie zum Beispiel ambulanten Pflegediensten und pflegenden Angehörigen.
„Es geht nicht darum, pflegende Angehörige unter einen Generalverdacht zu stellen“, betonte Landrat Dr. Ralf Niermann bei seiner Begrüßung. „Pflegenden Angehörigen gebührt ein hohes Maß an Respekt für ihre Leistung.“ Dennoch kommt es aufgrund von Überlastung in Verbindung mit schwierigen persönlichen Beziehungen, Problemen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familientätigkeit sowie mangelnder Anerkennung immer wieder zu Grenzüberschreitungen. Eine Pflegesituation ist häufig durch soziale Isolation für alle Beteiligten gekennzeichnet. Daher ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.
In extremen Fällen ist eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll. In Zweifelsfällen berät die Polizei auch anonyme Anfragen. In der weit überwiegenden Zahl der Fälle geht es jedoch um Vermittlung von Hilfen. Denn die meisten pflegenden Angehörigen, denen „die Hand ausrutscht“ empfinden Scham, sie wissen einfach nicht mehr weiter und benötigen Unterstützung. Hilfeangebote sind im Kreis Minden-Lübbecke vorhanden, jedoch noch zu wenig bekannt. Viele Einrichtungen und Anlaufstellen, die mit dem Thema Gewalt in der häuslichen Pflege konfrontiert werden, arbeiten sehr engagiert zusammen und konnten bereits in vielen Fällen positive Ergebnisse erzielen. Doch auch die Helfenden geraten häufig an ihre Grenzen. So wird im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt in der Pflege immer wieder die Forderung nach einer zentralen Anlaufstelle laut, wo „alle Fäden zusammenlaufen“.
In der Diskussionsveranstaltung wurden Bezüge zur Kindeswohlgefährdung hergestellt. Jugendämter haben eine gesetzliche Grundlage, auf der sie einschreiten müssen und Hilfen anbieten können. Darüber hinaus stehen ihnen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung, um diese Hilfen umzusetzen. Und: Kinder tauchen in verschiedenen Institutionen wie zum Beispiel Schule oder Kindergarten auf. Dies alles ist bei einer häuslichen Pflege anders. Die Pflegebedürftigen sind häufig isoliert, ein „Altenamt“ vergleichbar dem Jugendamt gibt es nicht.
Daher ist die Vernetzung der bestehenden Institutionen besonders wichtig. Dort, wo Fälle bekannt werden, müssen alle an einem Strang ziehen und jeder an seiner Stelle seiner Verantwortung nachkommen. Entlastungsmöglichkeiten sind vorhanden und können in unterschiedlicher Art und Weise eingesetzt werden. So kann es in manchen Fällen hilfreich sein, die pflegebedürftige Person in eine Tagespflegeinrichtung zu geben, während in anderen Fällen bauliche Veränderungen in der Wohnung die Situation entzerren können. Vielen ist auch durch ein entlastendes Gespräch bei einer Facheinrichtung geholfen.
Beim Thema „Altenwohlgefährdung“ ist es vor allem wichtig, dass über Fragen und Schwierigkeiten geredet wird. Hier ist wieder ein Vergleich zum Jugendhilfebereich zulässig: Vor vielen Jahren waren Themen wie „Sexueller Mißbrauch an Kindern“ und „Kindesvernachlässigung“ ebensolche Tabus wie heute „Gewalt gegenüber Pflegbedürftigen“. Durch die engagierte Diskussion zunächst in der Fachwelt und dann in der breiten Öffentlichkeit konnten viele Fälle aufgedeckt und damit vielen Opfern geholfen werden. Auch im Falle der Altenwohlgefährdung hilft hinschauen, Gespräche mit den Betroffenen führen und Hilfen anbieten, im Zweifel auch das Hinzuziehen weiterer Institutionen. Die Fachwelt ist gefordert, sich dieser Thematik verstärkt zu stellen und sondern konstruktiv im Sinne einer Entspannung der Pflegebeziehung zu handeln. Im Kreis Minden-Lübbecke sind bereits gute Vernetzungsstrukturen vorhanden. Hier wird die Diskussion weitergeführt im Arbeitskreis „Häusliche Gewalt in der Pflege“, der von Gleichstellungsstelle und Sozialamt des Kreises koordiniert wird.