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Datum: 28.04.2016

Brauchen wir heute noch Feminismus?

„Ja!“ lautete die klare Antwort der jungen Netzwerkfeministin Anne Wizorek bei einer Veranstaltung im Kreishaus in Minden. Auf Einladung der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises Minden-Lübbecke berichtete Anne Wizorek über die Entstehung des Hashtags #aufschrei, der sie schlagartig berühmt machte und stellte ihre Positionen zum heutigen Feminismus vor.

Unter Feminismus versteht sie eine Bewegung, die Einschränkungen der Freiheiten von Menschen entgegenwirkt. Geschlechtergerechtigkeit steht im Mittelpunkt, aber andere Diskriminierungen wie zum Beispiel Rassismus, Homophobie oder Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen sind ausdrücklich einbezogen, die gemeinsam wirkenden Mechanismen sollen erkannt und aufgelöst werden. Feminismus wendet sich ausdrücklich nicht gegen Männer, sondern bezieht sie mit ein. Aus ihrer Sicht gibt es nicht einen einheitlichen Feminismus. Sie plädierte dafür, unterschiedliche Positionen, und damit unterschiedliche Feminismen zuzulassen. Netzwerkfeminismus ist ein Feminismus, der das Internet als Medium nutzt. Insofern sieht sie auch keinen Unterschied zu den feministischen Positionen, die in früheren Generationen vertreten wurden. Die Themen wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, berufliche Chancen von Frauen und sexualisierte Gewalt sind die gleichen geblieben.

Im #aufschrei haben Betroffene ihre Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen geschildert. Dies hat offenbar dazu geführt, dass im Jahr 2013 bei der Diskriminierungsstelle des Bundes die Anzahl der Beratungsfälle um 1/3 zugenommen hat. Im gleichen Jahr ging der erste Grimme Online Award an den #aufschrei und wurde bis vor kurzem im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt.

In einem zweiten Teil ihres Vortrages erklärte Anne Wizorek verschiedene Gewaltformen, die im Internet vorkommen. So stand der Begriff „Trollen“ ursprünglich für bewusstes Stören von Kommunikation im Netz und Provokation von Gesprächsteilnehmenden. Inzwischen wird Trollen für alles verwendet wie Beleidigungen, Verleumdungen, Fälschung von Accounts, Verbreitung von Nacktbildern bis hin zu Gewaltandrohungen. Die Folgen von Hasskommentaren oder Trollen können denen von körperlich erlebter Gewalt gleichen: Schlafstörungen, Essstörungen, allgemeine Verunsicherung bis hin zu Suizidversuchen.

Anne Wizorek sieht keinen Unterschied zwischen „online“ und „offline“ und betonte immer wieder die Verschränkung beider Bereiche. Die Machtstrukturen, die wir außerhalb des Netzes haben, wirken gleichermaßen im Netz. Sie fordert einen Kulturwandel im Netz, damit alle Teilnehmenden sich auf Augenhöhe begegnen können.


Bild v.l.: Anne Wizorek und Andrea Strulik, Gleichstellungsbeauftragte Kreis Minden-Lübbecke

Bild: Kreis Minden-Lübbecke/Dr. Anna Berlit-Schwigon

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