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Datum: 12.06.2022

Berlin ist eine Bildungsreise wert

Günter ist das Herz unserer Gruppe. Er kümmert sich darum, daß im Sommer alle 14 Tage eine Radtour stattfindet und wir uns auch in der dunklen Jahreszeit treffen. Seine beste Idee aber in 2022 ist: wir fahren nach Berlin zu unserem FDP Bundestagsabgeordneten Herrn Schäffler. Es ist eine größere Gruppe, die Herr Schäffler einlädt und 20 ZWARis dürfen dabei sein. Natürlich sind wir traurig, als ein Paar wegen Corona ausfällt. Aber es kommt noch viel schlimmer. Bei der Gartenarbeit fällt Günter aus dem Baum und bricht sich die Rippen. Aus der Traum für ihn. Stattdessen Krankenhausaufenthalt und ganz starke Schmerzen. Das ist nicht zu fassen. Ausgerechnet ihn erwischt es, der für uns diese Tage möglich macht. Leider geht die Fahrt ohne ihn.

Von Minden zum Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin braucht der Zug ungefähr drei Stunden. Am Bahnsteig begrüßt uns Frau Kleiner vom Bundespresseamt. Außerdem wartet ein ganz neuer moderner Bus auf uns mit dem Busfahrer Uwe. Sie werden in den nächsten drei Tagen immer bei uns sein und sich um alles kümmern.

Reisen macht hungrig. Wir steuern die Oranienburgerstraße in Berlin-Mitte an. Das Lokal liegt gegenüber dem ‚Ehemaliges Kaiserliches Postfuhramt‘. Eine ganz lebendiges Gegend und ich sehe nur junge Leute. Frau Kleiner macht uns auf die Moschee mit der goldenen Kuppel aufmerksam. Alles liegt hier ganz dicht beieinander.

Gestärkt und erfrischt beginnen wir die große Stadtrundfahrt. Unser Fahrer Uwe ist bester Laune, denn so leer wie an diesem Sonntag ist die Stadt nie. „Monika, was meinst du, sollen wir einfach mal eine große Tour machen, wo man sonst in drei Stunden nicht hinkommt?“

Die Unkompliziertheit unserer Guides begeistert uns. „Wir machen alles mit, was ihr vorschlagt.“ Unser erster Halt stadtauswärts ist das Sowjetische Ehrenmal Treptow. Die Gedenkstätte liegt in einem riesigen gepflegten Park. Die Anlage ist ungeheuer monumental. Unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges ist es für uns sehr bedrückend. Frau Kleiner macht uns darauf aufmerksam, daß es keine Namen für die gefallenen Soldaten gibt, sondern an diesem Ort nur das Heroische des Krieges dargestellt wird. Der einzelne Soldat zählt nichts.

Unser Fahrer Uwe ist von seinem Bus begeistert. Und er weiß ihn genau zu chauffieren. Manchmal auf den Punkt genau. Haarscharf. Das nächste Ziel ist im Herzen von Berlin die Museumsinsel. Bei dem wunderschönen Sonntagswetter ist hier ein kunterbuntes Treiben rund um die preussischen Highlights der Stadt: der Dom, der Lustgarten, viele Museen und das Schloß mit dem Humboldt-Forum. Seit einem Jahr ist dieses Universalmuseum für das Publikum zugänglich. Die Mannigfaltigkeit der Themen sowie die Qualität der Ausstellungen wären ein Grund nach Berlin zu ziehen. Aber … die Karawane zieht weiter. Es folgt ein schöner Gang zum Gendarmenmarkt. Unterwegs können wir Frau Kleiner immer wieder Fragen stellen. Es ist ein wunderbarer Dialog.

Sie schwärmt von dieser Stadt und sie liebt die Details. Berlin war eine Hochburg der Mode. Auch wenn es nicht mehr die großen Namen sind, die man in Berlin findet, so sind es doch feine außergewöhnliche Studios, die immer noch einen exzellenten Ruf haben. Und die Berlinerin, sie weiß sich zu kleiden. Mein Frauenauge stellt fest: für diesen durchaus schweren Job als Fremdenführerin hat sie heute eine sehr coole Bluse gewählt.

Wir gehen an den Botschaften von Marokko und der Mongolei vorbei und dann über den Hausvogteiplatz zum Gendarmenmarkt. Dieser Platz ist das wirkliche Herz von Berlin. Frau Kleiner sagt: „Wenn man das Herz der Berliner erobern will, dann wählt man den Gendarmenmarkt.“ Der Platz wird eingerahmt vom Konzerthaus Berlin, dem Deutschen Dom links und dem Französischen Dom rechts.

Bisher haben wir noch kein Geld ausgegeben. Ach Quatsch. Die Apfelschorle nach dem Mittagsessen kostete fünf Euro. Kann’s wahr sein? Also ab ins Souvenirbüdchen. Da finden wir bestimmt etwas für Günter. Wir wählen eine Klingel mit Ampelmännchen und natürlich eine Postkarte. Das muß sein.

Unser Busfahrer Uwe macht es spannend. „Jetzt kommen wir zum schönsten Teil des Tages.“ „Wie“ fragen wir uns, bisher war doch alles super. „Wir fahren nach Weißensee. Dort habt ihr ein richtig schönes Hotel. Ich freue mich für euch.“ Uwe hat nicht zu viel versprochen. Im Hotel ist alles schön und angenehm. Auch das Abendbrot mit dem leckeren Nachtisch schmeckt uns hier sehr, denn Reisen macht – schon wieder - hungrig. Gemeinsam machen wir noch einen Gang durch die Gemeinde, bzw. einen Gang um den Weißensee. Das ist auch schnell getan. Die Uferpromenade ist richtig voll. Ganz Berlin ist draußen bei dem herrlichen Wetter.  

In der Nähe unseres Hotel gibt es ein schönes Straßenrestaurant und auch das Hotel hat einen schönen Biergarten, so klingt der Abend gemütlich aus. Am nächsten Morgen lecker frühstücken, sich fertig machen und Uwe freut sich schon auf uns. Der Tag beginnt mit dem Besuch des ‚Denkmals für die ermordeten Juden‘. 2711 Stelen sind in Reihen aufgebaut und Frau Kleiner macht uns auf die Besonderheiten dieser außergewöhnlichen Stätte aufmerksam.

Gemeinsam gehen wir dann am Brandenburger Tor vorbei zum Reichstagsgebäude. Um 11 Uhr besuchen wir den Bundestag und haben eine Einführung in die Arbeit des Parlamentes im Plenarsaal. Dazu müssen wir wie i m Flughafen durch Kontrollen.

Und jetzt kommt die Geschichte mit dem Karton. Gefühlte 10 kg schleppen wir heute durch Berlin City, denn für Günter gilt: kein Besuch ohne Geschenk. Herr Schäffler soll etwas Schönes bekommen. Es soll aus der Region, also aus Stemwede kommen. Es soll Freude machen und es soll nahrhaft sein. Also eine Geschenkkiste von Kleybrink aus Twiehausen mit Keksen, Nudeln, Wurst und natürlich Eierlikör (aber keine Eier). Was sagt die Kontrolle? „Die Flasche bleibt draußen! Der Karton bleibt hier. Sie können ihn nachher wieder abholen.“ Punkt.

Also kein Geschenk für Herrn Schäffler. Um 12 Uhr sind wie im Sitzungssaal der FDP zum Gespräch mit Herrn Schäffler eingeladen. Er begrüßt uns herzlich und berichtet über seine Arbeit im Parlament und das aktuelle Thema Bitcoin und Kryptowährung. Auch folgt er unserem Wunsch, über die Verkehrswende und die Bedeutung des Radverkehrs zu sprechen. Wir freuen uns sehr, daß er zum Abendessen kommen will.

Zum gemeinsamen Foto geht es dann auf die Kuppel des Reichtags. Es ist ein Erlebnis, den Weg zur Kuppelspitze zu machen und den Blick auf Berlin zu genießen. Die Orientierung ist nicht so einfach. Du glückliches Paris, was bist du gut dran mit Eifelturm und Sacre Coeur. Dafür ist Berlin so unendlich grün. Man kann es kaum glauben. Überall blühen diese herrlichen Linden. Sie duften jetzt so wunderbar und die Millionen Bienen summen in ihren Kronen. Welch herrliche Stadt.

Vom Reichstag machen wir einen Spaziergang zum Sony Center am Potsdamer Platz. Beim Australier gibt es eine Stärkung mit Blick in den Innenhof des Centers. Zu Fuß erreichen wir direkt an der Mauer die „Topographie des Terrors“, wo die Greueltaten des Nationalsozialismus dokumentiert werden. Nebenan befindet sich die Kulturstätte „Gropius Bau“, in dem immer wieder bedeutende Kunstaustellungen gezeigt werden. Der Input heute war echt riesig. Wir sind froh, daß der Bus uns zum Fernsehturm bringt, wo wir später im „Alten Fritz“ essen werden. Wir haben vorher noch ein bißchen „Freizeit“, um durch das Nikolaiviertel zu schlendern. Wir kommen am Zille-Museum vorbei. Ja, das wäre doch ein Geschenk für Günter. Heinrich Zille mit seinen Geschichten und Zeichnungen aus dem Berliner „Milljöh“. Seine sozialkritische Kunst ist treffsicher, oft derb, häufig humorvoll und immer genau beobachtend.

Zum Abendessen gibt es „Königsberger Klopse“. Eine der vielen Berliner Spezialitäten. Es ist lecker. Das Bier schmeckt. Und wir freuen uns sehr, daß Herr Schäffler sich Zeit nimmt, mit uns zu essen und dann führen wir unsere Gespräche, die wir morgens begonnen hatten, weiter. Wir sind die ZWAR Radgruppe und der Radwegebau ist unser Anliegen, zumal es jetzt auch „ganz oben“ bei Bund und Land angekommen ist. Er bietet uns einen Besuch im Spätsommer in Stemwede an. Für den Freizeitradverkehr sind wir sehr gut aufgestellt, aber es gibt ein paar Hotspots, an denen schon jahrzehntelang nur geplant wird. Die wollen wir ihm zeigen.

Und zum Abschied können wir jetzt endlich Herrn Schäffler den weitgetragenen Geschenkkarton überreichen. Im Hotel gibt es noch einen Absacker. Und dann ist auch Schicht im Schacht nach so einem tollen Tag.

Unser letzter Tag beginnt mit dem Besuch bei der Bundesbank. Herr Dr. Sommer erklärt uns die vielen Basics rund um unser Geld. Natürlich geht es aktuell um Inflation und Stabilität. Und wir merken, daß die Komplexität dieses Thema uns leider nicht sehr vertraut ist. Zum Abschluss seiner Ausführungen geht es auch um den Bitcoin: Kryptowährungen sind für ihn kein Thema.

Für mich ist der Besuch der „Gedenkstätte Berliner Mauer“ dann der Höhepunkt dieser Fahrt. Sicher liegt es auch an unserem Guide, der so gefühlvoll die vielen schrecklichen Ereignisse erzählt. Der von seiner Arbeit im Zentrum berichtet, wo sie bemüht sind, auch noch nach 60 Jahren Zeitzeugen zu finden, die ihre Erlebnisse berichten. So viele Fluchten, so viel Verrat, Verhöre und Inhaftierungen waren für Abweichler an der Tagesordnung; und immer wieder der Tod; egal wie alt die Menschen waren. Berlin ist in den letzten dreißig Jahren schnell ein e quirlige Metropole geworden. Aber die Geschichte dieser Stadt hat so viele Brüche, an die man immer wieder erinnern muß. Über ein Jahr lang gab es 1948/1949 die Luftbrücke, mit der Berlin nur mit den Fliegern der Alliierten versorgt wurde. Rosinenbomber ist das Stichwort. Aber dieses Wort hört sich nicht nach den Stichen an, die damals gesetzt wurden. 1963 dann der Mauerbau. Ab da mußte sich jeder fragen: wer sind deine Freunde? Wie brutal sind deine Feinde? Das sind Gedanken, die uns aktuell seit dem Einmarsch der Russen in der Ukraine mehr denn je beschäftigen, denn auch diese beiden Nationen waren über Jahre ein Volk und Brüder.

Wir hatten wunderschöne Tage. Wir haben so viel Dank zu sagen an Günter und Herrn Schäffler, die uns diese Reise ermöglicht haben. Wir hatten zwei wunderbare - ich glaube sogar echt Berliner - Reiseleiter, die für uns da waren. Egal, ob wir Fragen hatten oder Wünsche. Doch eigentlich gab es diese nicht, denn sie haben uns die schon vorher von den Augen abgelesen.

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