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Datum: 02.11.2023

»Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.« - Fachveranstaltung zum vielfaltssensiblen Umgang in Alter, Pflege und Gesundheitswesen


„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ (Max Frisch, 1965) – was es bedeutet, wenn diese Menschen der sogenannten Gastarbeitergeneration alt werden und Betreuung benötigen, darum ging es in der Fachveranstaltung „Vielfaltssensibler Umgang in Alter, Pflege und Gesundheitswesen“ im Kreishaus Minden, zu der das Kommunale Integrationszentrum des Kreises in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt haupt- und ehrenamtliche Fachkräfte aus Pflege- und Gesundheitswesen sowie der Integrationsarbeit eingeladen hatte.

Im gut gefüllten Sitzungssaal legte Landrat Ali Doğan seine Stichpunkte für die Begrüßung beiseite und erzählte von den ganz persönlichen Erfahrungen, die seine Familie gemacht hat, als seine Mutter pflegebedürftig wurde. Seine Mutter kam Anfang der 70er Jahre aus der Türkei, lebte und arbeitete 40 Jahre in Deutschland. „Sie war keinen einzigen Tag arbeitslos.“ Kurz nachdem sie in Rente war, erkrankte sie an einer atypischen Form von Parkinson und musste in einer Pflegeeinrichtung untergebracht werden. Durch die Krankheit konnte sie sich nicht mehr auf Deutsch unterhalten. In der Einrichtung war die einzig kurdisch sprechende Person die Reinigungskraft, sodass sie kaum jemanden zum Reden hatte. Über Jahrzehnte hatte sie morgens Schafskäse mit Oliven gegessen. Trotz umfassender Angebote der Familie gelang es nicht, der Mutter diese Gewohnheit auch in der Pflegeinrichtung zu ermöglichen, sodass sie immer weiter abmagerte und schwächer wurde. Letztlich nahm ihre Familie sie aus der Einrichtung heraus. Sie verbrachte ihre letzte Zeit in der Türkei, wo sie Anfang des Jahres verstarb. „Ich weiß, dass die Pflegekräfte jeden Tag hervorragende Arbeit leisten und selbst oft überlastet sind“, sagte Landrat Ali Doğan. „Ich möchte Ihnen nur sagen: Ich kenne die Schwierigkeiten, mit denen sich migrierte Menschen im deutschen Pflegesystem konfrontiert sehen. Desto mehr freue ich mich, dass es hier im Kreis so viele Menschen gibt, die es anders machen wollen. Das wird vielen älteren und kranken Menschen zugutekommen.“

Mit dem eingangs erwähnten Zitat von Max Frisch eröffnete Bahar Yolda Dyck (B.Sc. Gesundheits- und Krankenpflege) ihren Vortrag „Kultursensible Versorgungsgestaltung – wissenschaftliche Grundlagen und Handlungsempfehlungen“. Sie bezog sich in ihren Ausführungen auf die Generation der türkeistämmigen „Gastarbeitenden“. Diese kamen nach dem 1961 im Auswärtigen Amt in Bonn unterzeichneten Anwerbeabkommen mit der Türkei zahlreich als arbeitende „Gäste“ und sollten dabei helfen, die deutsche Wirtschaft voranzutreiben. Lange sind sie nicht mehr nur Gäste, sondern Mitbürger*innen, sie sich noch immer den Herausforderungen von Integration stellen müssen. Es war für sie nicht leicht, der alten Heimat den Rücken zu kehren und in einer neuen Heimat Fuß zu fassen. Heute, mit Eintritt ins Rentenalter, sehen sie sich in Deutschland mit einer neuen Realität konfrontiert. Auch sie sind betroffen von altersbedingten Erkrankungen und Pflegebedarfen, haben jedoch aufgrund kultureller, sprachlicher und religiöser Hürden kaum angemessenen Zugang zu Unterstützungsleistungen.

Auf dem Podium setzten sich die Teilnehmenden der Diskussion mit der Fragestellung auseinander wie gleichberechtigter Zugang zu Pflege- und Unterstützungsleistungen gewährt werden kann. „Was braucht es, um sich den Herausforderungen zu stellen, um Menschen mit Migrationsgeschichte medizinisch und pflegerisch angemessen zu behandeln?“ war die Ausgangsfrage, mit der wir diese Veranstaltung geplant haben, so Sandra Bischoff, die im Kommunalen Integrationszentrum die Planung federführend betreut. Mit dem Plenum wurde angeregt über Best Practice-Beispiele aus dem Arbeitsalltag diskutiert und die Überwindung sprachlicher Hürden als „Schlüsselfaktor“ identifiziert. „Das Fazit des Plenums ist deutlich: Es braucht mehr Fachkräfte mit herkunftssprachlichen Fähigkeiten und die Bereitschaft, mit einem kultursensiblen Blick die Diversität der Bevölkerung als Chance an- und wahrzunehmen.“, fasst Dr. Anna Berlit-Schwigon, Leiterin des KI das Ergebnis der Fachveranstaltung zusammen.

Fotos:

1 (von links) Modou Diedhiou, Gülbahar Genc-Yurt, Siegfried Gutsche, Landrat Ali Doğan, Eckhard Rüter, Andrea Engelage, Patrik Kasparak, Bahar Yolda Dyck

2 Moderator Modou Diedhiou

Fotos: Kreis Minden-Lübbecke/ Sabine Ohnesorge

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