»Lübbecke - eine Einwanderungsstadt?« - Schüler der Jahn-Realschule befragten Mitarbeiter der Stadt Lübbecke
Lübbecke. Die Berichterstattung in den Medien über Flüchtlingskatastrophen reißt nicht ab. Für die Schüler des Kurses Sozialwissenschaften der Jahn-Realschule Lübbecke und ihrem Lehrer Norbert Hahnefeldt Grund genug, sich mit diesem Thema im Unterricht näher zu beschäftigen. Aus der Betroffenheit heraus entwickelten die Schüler die Idee, direkt vor Ort der Frage nachzugehen, wie die Situation der Asylbewerber in Lübbecke aussieht. Mitarbeiter der Stadt Lübbecke in Person des Bereichsleiters „Soziales“ Ralf Stühlmeyer, der Sozialarbeiterin Elke Horn und der Verwaltungsfachangestellten Annika Rührup, unterstützen sie bei diesem Anliegen. Gemeinsam mit Zuwanderern, die aus Afghanistan und Algerien geflohen waren sowie einer Schülerin aus Syrien stellten sie sich den Fragen der Schüler.
Zunächst richtete Bürgermeister Eckhard Witte das Wort an die Schüler und begrüßte sie in der Stadtverwaltung. Das Gebot der Menschlichkeit nehme einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft ein, nicht nur in der Flüchtlingspolitik, sondern auch in Form von Zivilcourage. „Die Beschäftigung mit diesem Thema findet meine hohe Anerkennung, da sie Euch als Jugendliche auszeichnet, die sich mit elementaren Fragen unseres Zusammenlebens beschäftigen“, so der Bürgermeister.
Die Jahn-Realschüler gingen mit gut durchdachten Fragestellungen in den Austausch mit dem Bereichsleiter für Soziales und der Sozialarbeiterin. So wollten Sie beispielsweise wissen, ob auch die Stadt Lübbecke merke, dass die Flüchtlingszahl auf einem Rekordhoch sei und wie sich der Alltag der Asylsuchenden in der Stadt Lübbecke darstelle. Die Fachleute aus der Verwaltung blieben keine Antwort schuldig. Insbesondere die von Annika Rührup erarbeitete Power-Point-Präsentation mit anschaulichen Informationen und Grafiken war sehr hilfreich, um viele Punkte des Themas zu verstehen. So erläuterte Herr Stühlmeyer, dass sich die der Stadt Lübbecke zugewiesene Flüchtlingszahl spiegelbildlich zu der Gesamtzahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlingen verhalte. Seien es im Mai 2010 noch 21 Fälle mit Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gewesen, so stieg diese Zahl bis Mai 2015 bereits auf 87 Fälle.
Einzelpersonen würden vornehmlich im Wohnheim an der Hausstätte untergebracht, während Familien mit Kindern meistens dezentral in angemieteten Wohnungen im ganzen Stadtgebiet unterkämen. Da die Stadt Lübbecke mit der Sozialarbeiterin Elke Horn einen Schwerpunkt auf die soziale Betreuung setze, gab es bisher keine schwerwiegenden Konflikte unter den einzelnen Asylbewerbern oder zwischen Asylbewerbern und anderen Einwohnern Lübbeckes.
Für die Schüler der Jahn-Realschule waren insbesondere die Schilderungen der beiden eingeladenen Asylbewerber interessant. So erzählte der 34jährige Shafiqullah Anwari, dass er aus seinem Heimatland Afghanistan wegen lebensbedrohlicher Umstände geflohen sei und seit 9 Monaten im Lübbecker Asylbewerberheim lebe. Dreimal in der Woche besuche er einen Sprachkurs der Diakonie, er treibe viel Sport und habe die Aussicht auf eine Arbeit. Der 26jährige Mohamed Ziane floh 2012 aus Algerien und übt im Asylbewerberheim inzwischen eine Art Hausmeistertätigkeit aus. Sabreen Salo ist 16 Jahre und floh aufgrund des Krieges aus Syrien. Sie ist Jahn-Realschülerin.
Die Frage eines Realschülers, ob Lübbecke Zuwanderung benötige, beantwortete Ralf Stühlmeyer mit „Ja“. „Unsere Gesellschaft wird aufgrund des demographischen Wandels älter aber auch bunter. Bunter meint, die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kulturen, Hautfarben und Herkunftsländern. Die Folgen des Geburtenrückgangs sind auch durch Zuwanderung kaum noch zu kompensieren. Zahlenmäßig stellt sich das so dar: Die Geburtenrate der deutschen Lübbecker hat sich im Zeitraum von 2000 (269 Geburten) bis 2014 (135) halbiert. Die demographischen Folgen des Geburtenrückgangs können durch die Zuwanderung und die damit verbundenen Geburten zumindest abgemildert werden.“
Die Schüler beschäftigte insbesondere die Frage, was die Lübbecker - ganz speziell auch Schüler - tun können, um den Asylbewerbern das Leben hier vor Ort zu erleichtern und ihnen in der neuen, für sie fremden Umgebung zurecht zu helfen. Sozialarbeiterin Elke Horn antwortete: „Es ist wichtig, aufeinander zuzugehen, mit den Asylbewerbern zu sprechen, Kontakte zu knüpfen und sie zu unterstützen. Ihr könnt Brücken bauen, um die Menschen in Lübbecke zu integrieren. Dabei kann ich Euch als Vermittlerin zur Seite stehen.“ Ralf Stühlmeyer ergänzte: „Vielleicht wäre es schon ausreichend, einen Mitschüler, der Asylbewerber ist, zum Abendessen in die Familie einzuladen oder ihn mit in den Sportverein zu nehmen. So könnt Ihr als „Multiplikatoren“ wirken, indem Ihr als gute Vorbilder vorangeht und aktiv werdet.“
Aus dem Gespräch gingen die Schüler mit dem Vorsatz heraus, noch offener auf die in Lübbecke lebenden Asylbewerber zuzugehen. Ein erster Schritt waren die Willkommensgeschenke der Schüler für die an der Gesprächsrunde beteiligten Asylbewerber in Form von Sweatshirts und einem Fußball.